Hinter den Kulissen des GesangswettbewerbsWie funktioniert der hoch angesehene Gesangswettbewerb? Wer sitzt dieses Jahr in der Jury und welche SängerInnen kommen ins Finale? Nicolas Blanmont ist Musikkritiker und seit über zwanzig Jahren beim Königin-Elisabeth-Gesangswettbewerb dabei. Er führt uns hinter die Kulissen und verfolgt Tag für Tag ab dem Halbfinale, wer im Rennen liegt. Die Spannung steigt! RubrikenHinter den Kulissen des Wettbewerbs (13 Beitr.) Aktuelle BeiträgeMedienArchivJuni 2008 (1 Beitr.) Mai 2008 (12 Beitr.) LinksWebsite des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs ProfilName des Autors : Nicolas Blanmont Beschreibung : Der Musikkritiker der belgischen Tageszeitung ?Libre Belgique?, Nicolas Blanmont, ist bereits seit ü... Am heutigen Donnerstag, dem 5. Juni, ab 20.00 Uhr findet der Königin-Elisabeth-Wettbewerb 2008 mit dem traditionellen Galakonzert der Preisträger seinen offiziellen Abschluss. Szabolcs Brickner, Isabelle Druet, Bernadetta Grabias, Anna Kasyan, Yury Haradzetski und Gabrielle Philiponet singen Werke von Mozart, Meyerbeer, Donizetti, Rimski-Korsakow und anderen; begleitet werden sie dabei vom Orchester der Opéra Royal de Wallonie unter der Leitung von Günter Neuhold. Im belgischen Fernsehen und Radio wird das Konzert von den öffentlichen Sendern live übertragen.
Am vergangenen Samstag erschien bereits die nicht minder traditionelle CD-Box mit den schönsten Momenten des Wettbewerbs. Eine ähnliche Rekordgeschwindigkeit wie bei den Wiener Neujahrskonzerten! Auf zwei CDs finden sich Auszüge aus den Darbietungen der Sieger und (das ist begrüßenswert!) der sechs anderen Finalisten. Größtenteils Aufnahmen aus dem Finale, aber auch aus dem Halbfinale und sogar aus der Vorrunde (alle Auftritte werden mitgeschnitten). Die CD-Box kann auf www.cd-elisabeth.be/index.htm bestellt oder ihr Inhalt heruntergeladen werden. Als Bonus gibt es zudem eine DVD.
Die nächste Ausgabe des Wettbewerbs beginnt im Mai 2009. Dann steht das Fach Violine auf dem Programm!
Verfasst von Nicolas Blanmont | Hinter den Kulissen des Wettbewerbs | Am 05/06/2008 um 14:38
Erster Preis: Szabolcs BRICKNER (Ungarn, T) Zweiter Preis: Isabelle DRUET (Frankreich, MS) Dritter Preis: Bernadetta GRABIAS (Polen, MS) Vierter Preis: Anna KASYAN (Georgien, S) Fünfter Preis: Yury HARADZETSKI (Belarus, T) Sechster Preis: Gabrielle PHILIPONET (Frankreich, S)
Gestern um 23.30 Uhr gab der Vorsitzende der Jury die Sieger des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs 2008 bekannt (und zwar auf Niederländisch, Französisch und Englisch, um es möglichst spannend zu machen). Es wäre gelogen zu behaupten, dass dies Ergebnis vom Publikum (oder gar von der Kritik) einstimmig begrüßt wurde, doch gab es praktisch keinerlei Missfallensbekundungen im Saal. Freilich ist es bedauernswert, dass die kanadische Mezzosopranistin Michèle Losier nicht unter den ersten Sechs war, aber zum Trost sei gesagt, dass bei diesem Wettbewerb wie bei Wettbewerben im Allgemeinen nicht immer die bestplazierten Teilnehmer auch die glänzendste Karriere machen.
Die Ausgabe 2008 des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs war ganz und gar untypisch: Das Gesamtniveau war hervorragend, doch kein Kandidat ragte wirklich aus der Menge heraus. Jede und jeder hatte seine Stärken und Schwächen, so dass das Ergebnis zwangsläufig nicht alle zufrieden stellen konnte. Daraus lassen sich zwei Schlüsse ziehen: Erstens, dass die Veranstaltung, die als allgemeiner Gesangswettbewerb begann, immer mehr zum Opernwettbewerb wird. Bevorzugt werden jene Teilnehmer, die innerhalb des Operngenres über ein breites Repertoire verfügen (Michèle Losiers gewagtes Programm mit einer einzigen Opernarie und vier Liedern hatte keinen Erfolg). Zweitens, dass Stil etwas äußerst Subjektives ist: Die meisten Juroren sehen es anscheinend nicht als schwerwiegenden Fehler an, Mahlers "Um Mitternacht" ohne den geringsten Ausdruck von Schmerz zu singen und mit weit ausgebreiteten Armen "à la Pavarotti" zu enden.
Beim Wettbewerb 2009 ist wieder das Fach Geige an der Reihe. Doch zuvor findet am 5. Juni, erneut im Brüsseler Palast der Schönen Künste, das Galakonzert der Preisträger statt. Am selben Abend spielt das Sinfonieorchester der Monnaie-Oper unter der Leitung von Kazushi Ono (das bis zum Schluss eine hervorragende Leistung geboten hat) im heimischen Orchestergraben bei der Premiere von Verdis "La forza del destino", mit Jurymitglied José Van Dam in der Rolle des Fra Melitone. The show must go on?
Verfasst von Nicolas Blanmont | Hinter den Kulissen des Wettbewerbs | Am 25/05/2008 um 20:06
Alle ausländischen Gäste sind sich einig, dass es nicht alltäglich ist, bei einem Gesangswettbewerb über ein professionelles Orchester (das Sinfonieorchester der Monnaie-Oper) und einen Dirigenten vom Format eines Kazushi Ono zu verfügen. In der Tat leisten die Musiker ausgezeichnete Arbeit (obwohl sie zurzeit die Aufführung der Oper "La Forza del Destino" vorbereiten, die am 5. Juni Premiere hat!) und unterstützen die Kandidaten aufmerksam. Nicht nur die Teilnehmer sind begeistert von dem Ensemble, auch das Publikum darf (glücklicherweise) echte Konzertabende erlebe und keinen bloßen sportlichen Wettstreit. Gestern Abend waren drei charmante Finalistinnen zu hören, jede mit ihren Stärken und ihren Schwächen. Als Erste stand Isabelle Druet auf der Bühne, eine erfahrene Sängerin und zudem eine gute Schauspielerin. Sie begeisterte insbesondere mit "When I'm laid in Earth" aus Purcells "Dido and Aeneas", wenn ihre Intonation auch mitunter etwas unsicherer war als in den vorhergehenden Runden. Es folgte Layla Claire - eine kraftvolle Stimme und ein wunderschönes Trimbre, aber manchmal leicht schrill in den Spitzentönen (vor allem in ihrer letzten Arie, "Je veux vivre") und mit etwas knappem tiefem Register für manche der gewählten Stücke. Yoon Jung Nan schließlich war sichtbar glücklich, endlich mit voller Orchesterbegleitung ihre Lieblingsheldin Violetta verkörpern zu können (hier mit der Schlussszene des ersten Aktes aus "La Traviata"). Sie bot strahlende Höhen, war jedoch mehr auf den Klang bedacht als auf den Text, der daher of schlecht artikuliert und schwer verständlich war. Zu gegenwärtigen Zeitpunkt ist es schwierig, Vorhersagen zu treffen, da jeder Kandidat sowohl Plus- als auch Minuspunkte hat. Meine persönliche Favoritin ist nach wie vor Michèle Losier, aber ich weiß, dass ihr recht ausgefallenes Programm nicht allen gefallen hat. Wer wird das Rennen machen? Drei Teilnehmer sind heute Abend noch zu hören (ab 22.30 Uhr auf ARTE), und anschließend werden die Ergebnisse bekannt gegeben ...
Verfasst von Nicolas Blanmont | Hinter den Kulissen des Wettbewerbs | Am 24/05/2008 um 16:35
Ich könnte mir gut vorstellen, dass Michèle Losier am Samstagabend auf dem Siegertreppchen ganz oben steht. Sie entschied sich mutig für ein Programm, wie es bei Wettbewerben sonst nicht üblich ist: zwei Melodien aus Ravels Liederzyklus "Shéhérazade" ("Asie" und "La flûte enchantée"), zwei der "Lieder eines fahrenden Gesellen" von Mahler ("Wenn mein Schatz Hochzeit macht" und "Ging heut Morgen übers Feld") und nur eine Opernarie, das "Parto, parto, ma tu ben mio" des Sesto aus "La clemenza di Tito". Eine Darbietung, bei der Eindringlichkeit und Innerlichkeit stärker im Vordergrund standen als reine Virtuosität. Die Kanadierin verfügt über hervorragende stimmliche Mittel, doch diese vergisst man fast über ihrem ausgeprägten Sinn für den Text, ihrer klaren Artikulation und ihrem Bühnenspiel, das die Grenze zwischen Oper und Lied hinfällig macht. Es war schon gewagt, im Finale eines Gesangswettbewerbs ein so zurückhaltendes Programm zu präsentieren, aber das Risiko könnte sich gelohnt haben. Und der Zuschauer wird ihre tragischen Posen und ihre feuchten Augen am Ende der Mahler-Lieder nicht so schnell vergessen.
Im Vergleich zu Michèle Losier wirkte Yuri Haradzetski fast etwas steif, mit brav an den Körper angelegten Armen, außer am Ende der Arie "Kuda Kuda" aus Eugen Onegin. Doch man darf nicht vergessen, dass der weißrussische Tenor fünf Jahre jünger ist als die kanadische Sopranistin. Zwar singt er schon an der Oper von Minsk, aber sicherlich hatte er im Gegensatz zu seiner Kollegin noch nicht die Gelegenheit, durch die Arbeit mit anspruchsvollen Regisseuren Erfahrungen zu sammeln. Das Timbre des jungen Mannes - der mehr Ähnlichkeit mit einem Informatikstudenten hat als mit dem Alfredo aus "La Traviata" - ist nicht das attraktivste, aber seine musikalische Bildung ist offensichtlich, und seine Unbeholfenheit wirkte rührend.
Anna Kasyans Darbietung war die bisher längste im Finale, mit Stücken von sechs Komponisten in fünf verschiedenen Sprachen: Mozart (Exsultate Jubilate), die Armida aus Händels "Rinaldo", Donizettis Lucrezia Borgia, die Snegurochka von Rimski-Korsakow, die Leila aus Bizets "Perlenfischern" und schließlich das letzte der "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss. Ein echtes Wettbewerbsprogramm, wie geschaffen für die ebenmäßige Stimme der georgischen Sopranistin, die in tiefen und mittleren Tonlagen fast noch mehr überzeugt als durch ihre (manchmal etwas schrillen) hohen Töne und außerdem einen fabelhaften Sinn für Nuancen hat. Welches Bild wird man von Anna Kasyans Vortrag besonders in Erinnerung behalten? Eigentlich eher das Fehlen von Bildern! Die Künstlerin hatte wohl erfahren, dass eine Kamera in dem Raum angebracht ist, in dem die Kandidaten sich auf den Auftritt vorbereiten oder zwischen zwei Arien ein Glas Wasser trinken, und hatte darum gebeten, in diesen privaten Momenten nicht gefilmt zu werden. Am Vortag hatte man beobachten können, wie eine ihrer Kolleginnen ihre Korsage zurechtrückte, bevor sie wieder auf die Bühne trat ...
Verfasst von Nicolas Blanmont | Hinter den Kulissen des Wettbewerbs | Am 23/05/2008 um 15:38
Im Französischen gibt es den Ausdruck "oreilles de scène", also "Bühnenohren", für die Logen beiderseits der Bühne auf Höhe des ersten Ranges. Die Bühne des Henry-Le-Boeuf-Saals im Brüsseler Palast der Schönen Künste (ein Werk des berühmten Architekten Victor Horta) hat zwei "Ohren" von unterschiedlicher Größe. Hier sitzen stets die Fernsehmoderatoren bei der Direktübertragung des Finales des Königin-Elisabeth-Wettbewerbs. Seit eh und je belegen die Mitarbeiter der beiden öffentlichen belgischen Fernsehsender, die den Wettberwerb live übertragen, abwechselnd das große und das kleine "Ohr". Dieses Jahr haben die flämischen Kollegen von der VRT das große auf der linken und die von der französischsprachigen RTBF (also auch von ARTE) das kleine auf der rechten Seite. Das liegt daran, dass die VRT diesmal für die Bild- und Tonaufnahme zuständig ist: Wer die meiste Arbeit macht, bekommt das größere Ohr. Doch egal, ob man gestern abend links oder rechts saß: Die Darbietung von Elizabeth Bailey war für alle ein Hochgenuss! Die englische Sopranistin bestach durch ihre Sicherheit und vor allem ihre Natürlichkeit bei den schwierigen hohen Tönen und waghalsigen Koloraturen ihrer drei Arien, "Oh quante volte" von Bellini, "O luce di quest’anima" von Donizetti und "Glitter and Be Gay" von Bernstein, wo sie erneut ihr schauspielerisches Talent unter Beweis stellen konnte. Elizabeth Bailey singt, wie andere sprechen: als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Es steht lediglich zu befürchten, dass ein kurzzeitiger (d.h. kaum eine Minute dauernder) Leistungsabfall bei Mozarts "Et incarnatus est" sie um den Sieg bringen könnte, auf den sie ansonsten gute Aussichten hat. Lim Changhan wirkte angespannter als in den vorhergehenden Runden. Der koreanische Bariton bewies dieselbe wunderschöne Stimme und elegante Phrasierung wie zuvor, stolperte aber zwei oder drei Mal bei hohen Schlusstönen in voller Lautstärke. Dennoch hat der in Marseille lebende Sänger eine solide Stimme, die er zudem mit Intelligenz und umfassender musikalischer Bildung vereint. Szabolcs Brickner schließlich ist, so möchte man wetten, ein Bewunderer von Luciano Pavarotti. Zwar hat er weder den Bart, noch die Leibesfülle, noch das große weiße Taschentuch seines verstorbenen italienischen Kollegen, doch auch bei dem jungen ungarische Tenor finden sich eine kraftvolle Stimme und technische Perfektion, strahlende hohe Töne und vor allem diese Art, zum Abschluss einer Arie die Arme auszubreiten, als wolle er den ganzen Saal umarmen. Und auch die Tendenz, allen Interpretationen dasselbe Pathos zu verleihen, das auf einem steten Legato beruht. Im "Kuda Kuda" des Lenski aus "Eugen Onegin" ist dies sicherlich überzeugender als in Mahlers fast beschaulichem "Um Mitternacht".
Verfasst von Nicolas Blanmont | Hinter den Kulissen des Wettbewerbs | Am 22/05/2008 um 16:04
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