Mit 80 Detektiven um die Welt - die britische Sicht
Eine reizvolle, anspruchsvolle Idee: Jonathan Gibbs vom Independent stellt seinen britischen Lesern eine Weltreise aus 80 Krimis zusammen. Nicht nach Route, sondern nach Vollständigkeit: Nord- und Südpol sind dabei.
Es ist eine britische Sicht der Dinge, und natürlich auch eine, die den Buchmarkt und das Lieferbare im Auge hat. Aber nicht immer.
Viel Selbstverständliches ist dabei. Edinburgh: Rankin; Oxford: Colin Dexter, aber nicht Dorothy Sayers oder Guillermo Martínez; Bangkok: Christopher G. Moore; Paris: Fred Vargas, aber nicht Léo Malet; Shanghai: Qiu Xiaolong. Nicht selbstverständlich (nicht mal in Deutschland): Friedrich Glauser für die Schweiz.
Und Paulus Hochgatterer für Österreich? Nun ja.
Augen öffnen könnte der Blick auf Autoren, die es auf Deutsch (noch) nicht gibt: Aus Marokko stammt Abdelilah Hamdouchi; Louis Bayard plottet in West Point; Adrian Hyland vertritt die australischen Northern Territories.
Um geographische Authentizität geht es nicht immer. Chabons "Vereinigung jiddischer Polizisten" hat mit Alaska so wenig zu tun wie Leonie Swanns "Glennkill" mit Irland. Afrika südlich des Maghreb ist mit den hübschen Mama Ramotswe-Krimis von Alexander McCall Smith unterbelichtet.
Berlin ist mit Erich Kästners Emil literarisch abgewatscht. Amsterdam ohne Willem van de Wetering (hier wird Nicolas Freeling empfohlen, gut abgehangene zweite Wahl) und San Francisco mit Walter Mosley sind nicht gerade kenntnisreich gewählt. Aus Schweden, das auch im anglophonen Raum zur Krimi-Großmacht anwächst, hätte man sich mehr als nur Mankells Ystad vorstellen können. Warum Martin Cruz Smith ausgerechnet mit "Polar Star" durch die Bering See schippern muss, ist ebenso schwer zu begreifen wie ausgerechnet Michele Giuttari als repräsentativer Toskana-Autor. Immerhin: Donna Leon bleibt uns erspart.
Kurz: an jedem Kanon, an jeder Liste gibt es was zu meckern.
Deshalb die Frage: Wie sähe denn Ihre Liste aus?
Vorschläge sind willkommen.
Verfasst von Tobias Gohlis | clinch | Kommentare (1) |
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Am 22/07/2008 um 20:13
Die Daggers - ein Nachtrag
Bereits am 10. Juli hat die britische Crime Writers Association ihre Dolche für 2008 verliehen.
Unter den Preisträgern befanden sich auch einige Autoren, die die KrimiWelt-Bestenlisten dieses Jahres schmücken:
Tom Rob Smith erhielt den Ian Fleming Steel Dagger für "Kind 44"
Matt Beynon Rees den New Blood Dagger für "Der Verräter von Bethlehem"
Unter anderem wurden ausgezeichnet: Fances Fyfield mit dem Duncan Lawrie Dagger und Sue Grafton mit dem Cartier Diomond Dagger für ihr Lebenswerk. Besonders gefreut hat mich die Auszeichung der französischen Autorin Dominique Manotti mit dem International Duncan Lawrie Daggar für ihre "Lorraine Connection". Manotti ist in Deutschland bisher nur mit einem bemerkenswerten Buch (viel zu wenig) vertreten: "Hartes Pflaster" (2004).
Verfasst von Tobias Gohlis | diary | Kommentare (0) |
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Am 18/07/2008 um 13:32
Angelesen*: Grabesgrün
Zum Früshtück Tana Frenchs Debüt "Grabesgrün" (Scherz) angefangen. Die Times jubelt: "fesselnd, psychologisch hintergründig, beklemmend atmosphärisch".
Der Anfang war hysterisches Geblubber, Pseudo: "STELLT EUCH EINEN SOMMER VOR wie aus einem Fünfziger- Jahre-Kinderfilm in ländlicher Kulisse."
Nach zweihundert Seiten frage ich mich ernsthaft: Redet Tanas Ich-Erzähler nur vor sich hin? Oder hat er auch was zu sagen? Lese erst mal weiter. Hätte gerne die Fähigkeit der Schnell-Leserin, die 743 Seiten Harry Potter in 49 Minuten geschafft haben soll. Vor mir liegen noch 453 Seiten. +
*Als Kritiker tut man es ständig; man liest sich hinein und liest sich aus einem Buch wieder hinaus. Meist ist der Ersteindruck von der Tageslaune abhängig. Und nicht jede Entscheidung gilt: + = lese weiter, - = zum Antiquar, 0 = mal sehen.
Verfasst von Tobias Gohlis | fiction | Kommentare (0) |
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Am 17/07/2008 um 13:41
Missbrauch und Amnesie
Was ist schröcklicher als Kindesmissbrauch? Richtig: der vergessene Kindesmissbrauch.
In der juristischen Realität ist man nach hunderten von eingeredeten, eingebildeten und herbeifantasierten Missbrauchsfällen zurüchhaltender mit der Anklage geworden.
In der Fiktion treibt die Beunruhigung "Bin ich missbraucht worden?" schwülstige Blüten.
Blüte 1: In Tana Frenchs "Grabesgrün" sind vor etlichen 30 Jahren zwei Kinder in einem Wald verschwunden, einen Spielgefährten fand man traumatisiert an einen Baum, ohne Erinnerung . Dieser Überlebende ermittelt jetzt, mit verändertem Namen, als Detective (Glaubt man das?) im Fall eines Mädchens, das an gleicher Stelle ermordet wurde. Und kann sich immer noch nicht erinnern.
Blüte 2: Petra Hammesfahr: "Erinnerung an einen Mörder": Felix, der zu Hause geprügelt wird, freundet sich mit einem Bauarbeiter an, wird später mit einer Stichwunde aufgefunden, kann sich an nichts erinnern.
Blüte 3: Inge Löhnig: "Der Sünde Sold": Ein fünfjähriger Junge verschwindet, wird nach Tagen nackt auf einem Holzstoß im Wald entdeckt. Kann sich an nichts erinnern. Der Klappentext: "Es gab keinen Missbrauch." Da bin ich aber echt froh.
Muss die Geschichte mit den morphogenetischen Feldern mal nachlesen.
Verfasst von Tobias Gohlis | fiction | Kommentare (3) |
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Am 17/07/2008 um 13:34
Wachstum und Hinken
Die FAZ, die sich sonst eher wenig um Krimis kümmert, berichtet heute vom Buchmarkt: Laut Gesellschaft für Konsumforschung hat Kriminalliteratur mächtig zugelegt. Seit Jahren schwankte ihr Anteil am Bellestristik-Umsatz um 20%, mal ein Hauch weniger, mal ein Hauch mehr. Trotz Verschlechterung der demographischen Werte.
2007 nun stieg ihr Anteil um 4,7 auf 25,6 %. Doller als die Geburten-, die Inflations- und die Einwanderungsrate.
Ob der Masse - auch die Zahl der Titel scheint auf ca. 800 Neuerscheinungen/Jahr gestiegen zu sein - noch irgendjemand kritisch gewachsen ist, sei dahingestellt.
Wir von der KrimiWelt-Bestenliste geben uns redlich Mühe.
Verfasst von Tobias Gohlis | diary | Kommentare (0) |
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Am 08/07/2008 um 15:33