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Kroatisches Quartett


Vier kroatische Autoren - Edo Popovic, Ivana Sajko, Delimir Re?icki und Alida Bremer - bloggen für ARTE: ein Briefwechsel zwischen Zagreb und Leipzig, Münster und Osijek


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Alida Bremer (4 Beitr.)

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Name des Autors : Kroatisches Quartett

Beschreibung : Vier junge kroatische Schriftsteller im Dialog - Edo Popovic, Ivana Sajko, Alida Bremer und Delimir...

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?Denn nicht nur du schreibst das Buch; gleichzeitig schreibt das Buch auch dich.?

von Alida Bremer


1. Mein Ziel für die Leipziger Buchmesse, die Literatur aus Kroatien und nicht die geopolitischen und historischen Stereotypen in den Vordergrund zu stellen, ist weitgehend erreicht worden. Die Tatsache, dass die Frühjahrsnummer der Zeitschrift „Die Horen“, einer traditionsreichen deutschen Zeitschrift, der kroatischen Literatur gewidmet ist, ist für mich ein wichtiges Zeichen. Mit Goethe kann man natürlich immer wieder den passenden Ausdruck finden, so kann ich jetzt mit ihm sagen „Mein Leipzig lob’ ich mir.“ Gibt es noch eine weitere deutsche Stadt, in der so viele Menschen Interesse an einem kleinen Land und seiner Literatur haben würden? Unser Stand war von morgens bis abends von Neugierigen belagert, unsere Abendveranstaltungen waren voll ausgebucht.




Alida Bremer und Ivana Sajko am ARTE-Stand in Leipzig





Am kroatischen Stand: Immer viele Zuschauer


2. Die Medien schenkten uns auch Aufmerksamkeit, viele neue Bücher kroatischer Autoren bekamen gute Kritiken in verschiedenen Feuilletons. Der ungarische Schriftsteller György Dalos, der mit mir gemeinsam das Projekt Leipzig gemacht hat, hat nach der Frankfurter Buchmesse 1999 seinen umfangreichen Schlüsselroman Seilschaften geschrieben. Ich werde ihn noch einmal aufmerksam lesen, genauso wie den berühmten Essay von Danilo Kiš Die Anatomiestunde. Vielleicht bekomme ich dort Anregungen, um später einmal über die Wege und Irrwege zu schreiben, die die kroatische Literatur in diesem Frühjahr nach Leipzig führten.




Alida Bremer und Johann P. Tammen, Herausgeber der Literaturzeitschrift "Die Horen"




Am kroatischen Stand: Strandatmosphäre


3. Da ich so häufig über die Auswahlkriterien für die Autoren gefragt wurde, habe ich zu Hause wieder The Western Canon von Harald Bloom in die Hände genommen. Ich bin eine Anhängerin der Idee des Kanons und bin dabei stur und altmodisch; Schuld daran ist meine Schul- und Studienzeit im ehemaligen Jugoslawien, die vom Kanon-Gedanken geprägt waren. Der Kanon sollte m. E. in jüngeren Jahren absolviert werden. Ohne Gogol, Dostoewskij, Mann, Kafka, Petrarca oder Faulkner konnte man bei uns kein Diplom erlangen. Meine Studien in Italien und in Deutschland haben meine Neigung zum Kanon nur bekräftigt: Ich schätze zwar die Freiheit des Denkens und der Auswahl, aber ich finde es problematisch, wenn ein frei denkender Literaturwissenschaftler nie Shakespeare, Dante oder Cervantes gelesen hat. Und dann ein verspieltes selbstreflexives Buch für sehr originell hält, ohne dass ihm bekannt ist, dass bereits Lawrence Sterne die Selbstreflexivität in den Roman eingeführt hat. Natürlich verlangt ein Kanon der „Weltliteratur“ nach einer Aufwertung der Übersetzungen. Natürlich soll man die Kanon-Bücher immer wieder lesen, wozu kaum Zeit bleibt. Und natürlich muss ein Kanon hinreichend Raum für alle Randerscheinungen lassen. Harald Bloom schreibt in seiner Einleitung: “Who reads must choose, since there is literally not enough time to read everything, even if one does nothing but read. “Das Problem mit jedem „weltliterarischen“ oder bloß „westlichen“ Kanon ist nur, dass etwa die kroatische Literatur immer herausfallen würde, was natürlich auch in der Studie von Bloom passiert. Und aus dem Rahmen eines kroatischen Kanons würde mein Onkel Ante Tonći Matić herausfallen, der ein begnadet begabter Mann war: Er hatte eine wunderbare Stimme, obwohl er nie eine Gesangsausbildung absolvierte, er war ein Autodidakt als Maler und Bildhauer und ebenfalls ein Autodidakt als Dichter. Und doch sang er wie eine Nachtigall, er schrieb einige gelungene Verse und malte das eine oder andere schöne Bild. Womit das Dilemma um den Kanon, um die Auswahl der Autoren und um die ästhetischen Kriterien weiterhin offen bleibt.




Ante Tonći Matić:  Petrovo polje (Peters Feld) in der Nähe von Drniš


4. Es gibt ein Leben nach Leipzig, wenigstens wenn ich nach dem freundlichen Lächeln von Maja Pflüger urteilen kann. Sie schenkte mir mitten im Chaos am kroatischen Messestand ein Moleskine Notizbuch – eine spezielle Anfertigung für die Robert Bosch Stiftung. Auf dem schwarzen Buchdeckel ist ein Satz von Sándor Márai abgedruckt: „Denn nicht nur du schreibst das Buch; gleichzeitig schreibt das Buch auch dich.“ Ein derart schönes Notizbuch darf ich haben, weil ich demnächst eine „Grenzgängerin“ bin – ab April habe ich ein Grenzgänger-Recherchenstipendium der Robert-Bosch-Stiftung für meinen geplanten Roman Oliva, in dem ich meine Suche nach der Geschichte der Frauen meiner Familie beschreiben möchte. Bisher weiß ich nur, dass im Zentrum des Geschehens meine Großmutter Oliva auf ihrer Couch thronen wird, wie im wahren Leben. Auch die Großmutter von Orhan Pamuk, eine faszinierende Gestalt aus seinem Buch über Istanbul, regierte aus dem Bett das Leben der türkischen bürgerlichen Großfamilie. Wie sie aß auch meine Großmutter gern und kümmerte sich nicht um ihre Figur, doch da hört die Ähnlichkeit auf. Da sie depressiv aus einem deutschen Lager zurückgekehrt war, blieb sie nach dem Krieg auf jener Couch liegen, ohne je wieder ihre Lebenslust zurück zu gewinnen, und da unterscheidet sie sich doch sehr von der regen und wachen Großmutter von Orhan Pamuk. Außerdem gehörte meine Oma zu einer Familie armer Fischer und Bauern und lebte in einem Dorf an der kroatischen Küste, das sich später in ein überladenes Touristenzentrum verwandelt hat, und nicht in der Großstadt. Es ist dieses Liegen, das mich dazu bringt, die beiden Großmütter zu vergleichen: Sie wurden im Liegen zum Mittelpunkt der familiären Kommunikation, so dass man zu ihnen kommen und sich zu ihnen herabbeugen musste, um mit ihnen zu sprechen.

Verfasst von Alida Bremer | 4. Satz: Literatur | Kommentare (0) | | +

Am 27/03/2008 um 10:22

Achte das Meer - halte dich an die Küste

von Ivana Sajko




(Ein Gelübdebild, wie sie im 19. Jahrhundert an der Küste und in Istrien in Kirchen hinterlassen wurden, in denen für die Rückkehr der Seeleute gebetet wurde)


Der Südwind ist in eine Bora umgeschlagen. So sagt man hier.
Das bedeutet, dass sich das laue und feuchte Wetter, das von Kopfschmerzen und Schläfrigkeit begleitet wurde, schlagartig vom Festland gelöst hat und in einen aufgewühlten und kalten Morgen übergegangen ist, durch den der Wind mit scharfen, salzigen Körnern bewaffnete Meerestropfen trägt, der in die Hosenbeine schlüpft und uns mit seinen eisigen Händen betastet.
Vom Südwind sagt man, dass er absinkt, und von der Bora, dass sie aufsteigt.

Der Südwind bewegte sich durch ein Sfumato, wie durch die Milanesische Via Garibaldi, wo der Nebelregen, der sich in der Ebene zwischen der Adria und den Alpen sammelt, die Konturen der Architektur aufweicht und die Kontraste abschwächt. Das Bild in der Erinnerung bleibt verschwommen. Die zwischen Wände und Menschen gezwängte Feuchtigkeit kondensiert zu Wasser und fließt durch die langsame Strömung bis nach Venedig. Und Istrien.
Die Bora kam in der Nacht auf. Der Morgen wurden von Möwen geweckt, die aus großen Höhen kreischten und bereits über den ganzen Himmel verteilt waren, der sich mit einem Mal erhob und auseinandergerissen wurde. Die Bora schob das ganze Bild aus dem Rahmen heraus.

 

(Zeichnung eines Schiffes in einem stürmischen Meer, im istrischen Gračišće, 16. Jahrhundert)


Ich packe meine Sachen für Leipzig. Unsere Reise beginnt in Istrien, über Rijeka nach Prag und dann weiter.

Vorgestern schrieb ich, es sei nicht wichtig, WAS, sondern WIE man lese. Oder schreibe. Was egal ist, denn durch Lesungen werden die Texte sowieso neu geschrieben. Als ich meinem Buch Prema ludilu (i revoluciji) ("In Richtung Wahnsinn (und Revolution)") den Untertitel Lesen gab, beabsichtigte ich, statt über Konzepte und Theorien zu diskutieren, über die Maschinen zu schreiben, die das Lesen selbst in Gang setzen. Über deren Funktionsweise oder die Art, wie wir sie benutzen oder missbrauchen. Über die Tricks, mit denen wir der Frigidität des streberhaften Auswendiglernens entkommen, da wir keine Antworten sondern ausschließlich Fragen, Abzugshebel und Weichen suchen, die unsere Wahrheiten in eine Krise führen und uns darauf hinweisen, dass Wahrheiten – künstlerische, politische wie moralische – immer fruchtlos und rigide sind, denn ein Gedanke ist nur dann kreativ, wenn er keine Wahrheit hat, wenn er nicht endlich ist, wenn er es zulässt, hinterfragt zu werden, wenn er also immer weiter geht, immer weiter, immer weiter... und wenn er uns in diesem Leseprozess von den erwarteten Richtungen ablenkt und uns dorthin führt, wo wir noch nicht waren. Deshalb lese ich. Um vom Weg abzukommen.

Dies alles findet schließlich einen Zweck im Schreiben selbst, bei dem ich versuche, mein eigenes Ziel zu verraten, dem eigenen Text zu entweichen und zerbrechliche Orte für ihn zu finden, an denen ich ihn auseinanderbrechen, auftrennen, umstülpen und in Frage stellen kann. Das schmerzt. Derrida sagt, es gäbe Krisen des Verstandes in einem ungewöhnlichen Einverständnis mit dem, was die Welt als Krisen des Wahnsinns bezeichne. In diesem Sinne wohl muss sowohl gelesen als auch geschrieben werden, und mir scheint, als bleibe uns nichts anderes übrig als eine Debatte mit unseren eigenen Konzepten, die unsere Disharmonie mit Buchdeckeln, Schubladen und Rahmen erhält, denn wir sind entweder zu klein oder zu groß, nie im richtigen Maßstab, wie Gulliver. Oder wie Ionescos Josette.

Eugène Ionesco erzählt im Zyklus Vier Geschichten für Kinder unter drei Jahren eine Anekdote von Josette. Diese Anekdote bildet auch den Abschluss des oben erwähnten Buches. Die Geschichte beginnt mit einem Morgen.

Mutter ist nach draußen gegangen. Nur Vater ist zu Hause. Josette sieht ihn mit dem Telefonhörer in der Hand in seinem Büro sitzen. Sie fragt ihn, ob er durch das Telefon spreche. Er antwortet ihr, er spreche durch den Käse.
"Käse ist das?", fragt Josette. "Na gut, dann eben Käse."
"Nein", sagt Papa, "Käse heißt nicht Käse, sondern Musikbox. Die Musikbox heißt Teppich. Der Teppich heißt Lampe. Die Decke heißt Boden. Der Boden heißt Decke. Die Wand heißt Tür."
Und so bringt Papa Josette die wahre Bedeutung der Wörter bei. Der Stuhl sei ein Fenster. Das Fenster sei ein Griff. Das Kissen sei ein Brot. Das Brot sei ein Bettvorleger. Beine seien Ohren. Finger seien Augen. Und dann redet Josette so, wie Papa es ihr beigebracht hat. Sie sagt:
"Ich sehe durch den Stuhl und esse mein Kissen. Ich öffne die Wand und gehe mit meinen Ohren. Ich habe zehn Augen zum Gehen und zwei Finger zum Sehen. Ich setze mich mit dem Kopf auf den Boden. Den Hintern lasse ich auf die Decke nieder. Als ich die Musikbox gegessen habe, habe ich Marmelade auf den Bettvorleger gestrichen...

Was ich sagen will, ist, dass es Morgen gibt, an denen sich Wände öffnen, als seien sie Türen. Und an denen draußen genau wie heute die Bora weht.

 

(Bora über Rijeka)


Aus dem Kroatischen von Margit Jugo

Verfasst von Ivana Sajko | 4. Satz: Literatur | Kommentare (0) | | +

Am 17/03/2008 um 11:22

WAS und WIE

von Ivana Sajko

 1967 stellte Joseph Kosuth in der New Yorker Lannis-Galerie auf seiner ersten eigenen Ausstellung Bücher aus. Diese Arbeit trug den Titel Fifteen People Present Their Favourite Book. Indem sie ihre Bücher ausstellten, stellten sie sich selbst aus.



(Autor mit Buch)


Dieses Beispiel habe ich genannt, weil das Aufzählen von Titeln, Autoren und Genres sowie deren Reihenfolge immer eine intime Angelegenheit ist. Mein Tagesplan sieht folgendermaßen aus:
Um 7.30 Uhr Aufstehen und Lesen philosophischer Texte in englischer Übersetzung. Das nennt man mentales Aufwärmen. Von 8.30 Uhr bis 13.30 Uhr Schreiben bei grünem Tee. Es folgt der Umtausch von Tasse in Glas. Wein und eine Zwischenmahlzeit, meistens gleichzeitiges Informieren im Internet. Die Zeit von 14.30 Uhr bis 16.00 Uhr ist am besten mit kürzeren Essays zum Thema Darstellende oder Bildende Kunst zu füllen. Oder auch mit dem Lesen eines Dramas. Es folgen 45 Minuten Sport, Joggen oder Fahrradfahren, und nach dem Duschen wird an der Korrektur der morgendlichen Texte gearbeitet. Am besten in irgendeiner Bar bei einer Tasse Kaffee. Dann Abendessen und eventuell Ausgehen. Das nächtliche Lesen besteht aus zwei Teilen. Zunächst eine Auswahl an Titeln zeitgenössischer Theorie, etwa eine Stunde lang, mit besonderem Augenmerk auf französische Autoren. Und dann etwas aus dem Bereich Literatur. Solange es geht. Am Abend darauf sollte man beim Weiterlesen desselben Buches eine Seite zurückblättern, da es sehr wahrscheinlich ist, dass der letzte Abschnitt bereits im Schlaf gelesen wurde. Und so jeden Tag. Das ist kein Witz.
Das sagte ich auch zu einem Freund von mir, nachdem ich ihm per Telefon den vorigen Abschnitt vorgelesen hatte.
"Das dachte ich auch nicht."
Er sagte, er würde mir den Auszug aus einem Buch schicken, das ich sicher noch nicht gelesen hätte, aber er denke, es wäre toll, wenn ich es im Blog erwähnen würde. Ich fragte ihn, ob der Grund dafür sei, dass er annehme, der Auszug würde mir gefallen.
"Ganz und gar nicht."
Trotzdem versprach ich, seine Auswahl mit einzubauen. Es handelt sich um Amis' Roman Money: A Suicidal Note, in dem sich ein Schriftsteller, ebenfalls Amis, mit seinem Literaturagenten unterhält. 
"Sag mal. Äh, legst du wirklich jeden Tag eine Zeit fest, in der du schreibst? Oder schreibst du, wenn dir danach ist. Ich meine, wie geht das?"
Er seufzte und antwortete: "Das willst du wirklich wissen?... ich stehe um sieben auf und  schreibe bis Mittag ohne Unterbrechung durch. Von Mittag bis ein Uhr lese ich russische Poesie – leider in einer Übersetzung. Dann esse ich schnell etwas zu Mittag und dann, bis drei, kommt Kunstgeschichte. Danach eine Stunde Philosophie – nichts Technisches, nichts Schwieriges. Von vier bis fünf europäische Geschichte, 1848 oder so. Von fünf bis sechs: Verbesserung meiner Deutschkenntnisse. Dann ruhe ich mich bis zum Abendessen nur aus und lese, was ich gerade in die Hände bekomme. Meistens Shakespeare."



(MC2, Grenoble 2006, Lesung des Textes Archetyp Medea)


Jedenfalls ist nicht nur wichtig, WAS, sondern auch WIE ich lese.
Für mich sind Lesen und Schreiben zwei unzertrennliche Elemente desselben Aktes. Daher kommt wahrscheinlich auch das, was ich als "autoreferenzielles Lesen" bezeichne: eine Art Hybrid verschiedener Aufführungsformen – Konzerte, Performances, Vorträge, Gespräche mit dem Publikum... wobei ich versuche, aus der Schreibstrategie eines Textes eine Strategie für seine Aufführung zu entwickeln. Ein Text trägt die Erinnerung an seine Geburt in sich, an seine eigenen Ursprünge und die Krisen, aus denen er entstand. Ich beschwöre sie herauf. Es ist eine Art Produktion rückwärts, ein retrospektives Memorieren des eigenen Prozesses, in dem der Text, der vor mir auf dem Notenständer liegt, zu einer wilden Webseite heranschwillt, Flächen auflöst, sich unlinear verbreitet, mir ermöglicht, ihn in Zusammenarbeit mit dem Publikum neu zu schreiben, zu erzählen, was ich noch nicht erzählt habe, über die Ereignisse, Dokumente und Mythen zu sprechen, die ihn einst formten und die ihn immer noch formen, über die Liebe oder die Wut, die ihn einst ins Leben rief, und dabei lese ich ihn, als sei er unvollendet, ich lese zwischen den Zeilen, an den Seitenrändern und in den Fußnoten. Laut.



(ITD-Theater, Zagreb 2007, Lesung des Textes Rose is a rose is a rose is a rose)


Oft werde ich gefragt, wie ich mir die ideale Aufführung meiner Texte vorstelle, da die Art, wie sie von mir selbst aufgeführt werden, als radikaler Akt der Gewalt am eigenen Satz betrachtet werden kann. Doch ich habe keine Vorstellung von idealen Inszenierungen, denn solche Inszenierungen würden bedeuten, dass der Text ein endliches Maß, irgendein endliches Konzept hat, in dem er vollendet wird und in dem er im Grunde aufhört, zu leben, zu wirken und zu produzieren. Danke, nein.

Aus dem Kroatischen von Margit Jugo


Verfasst von Ivana Sajko | 4. Satz: Literatur | Kommentare (0) | | +

Am 17/03/2008 um 09:27

SPATZEN, BORGES & HAMVAS

von Delimir Rešicki

Schon die Spatzen oder auch andere, mehr oder weniger heimische, kleine Vögel, die auf der ganzen Erde quicklebendig von benachbarten Zweigen oder Dächern zwitschern, wissen selbstverständlich nur zu gut, dass das Lesen, wie Borges vor langer Zeit einmal schrieb, ein viel kreativerer Akt ist als das Schreiben selbst. Borges denkt dabei natürlich nicht an irgendein Lesen, sondern vermutlich an ein Lesen, das uns die Welt und das traurige Universum der Schlüsselfragen offenbart, die uns seit derjenigen Zeit quälen, in der wir das Schreiben und Lesen erlernten – in der wir also zu Kindern der Zivilisation und Bastarden der Kultur wurden, was dieses Wort (Kultur) im engeren Sinne heute auch bedeuten mag.

Borges denkt, wie ich erneut annehme, an das Lesen im Sinne dessen, was Martin Heidegger unter dem "Erschweren" des Hier-Seins beziehungsweise des Menschen versteht, nicht unter dessen Banalisierung – um nicht zu sagen Idiotisierung. Und hier stellt sich sofort die Schlüsselfrage, welche Art des Lesens uns die Welt der globalisierten "Spektakelgesellschaft" heute, am "Ende der Geschichte" überhaupt bietet, um die berühmten Syntagmen von Guy Debord und Francis Fukuyama zu verwenden. Und kann, um die Frage zu vereinfachen, heute überhaupt noch irgendjemand, so kritisch er auch sein mag, der Falle entkommen, in die, wie manche glauben, selbst Jean Baudrillard tappte, der exponierteste Kritiker und Diagnostiker des Verlusts jeglicher Wirklichkeit im Namen totalitarisierter Virtualität, als, wie manche sagen, kontroverser Stern eben jenes globalen Simulacrums?

Oder wie ein lieber Freund von mir, der kroatische Philosoph ?arko Paić, im Hinblick auf die Figur des Schriftstellers und des Intellektuellen in seinem großartigen Text "Spektakl dobrovoljnoga ropstva" ("Spektakel freiwilliger Sklaverei") schrieb: "Das Spektakel ist der Ruhm und die universelle Schuld der menschlichen Götzenverehrung des Bildes, das andere vom Subjekt erschufen. Wahrheit kann nie Ruhm sein. Sie ist universell und fordert Opfer. Ohne Opfer gibt es in der Welt des Ruhmes keine Glaubwürdigkeit der Wahrheit. Die Frage der Verantwortung des Intellektuellen im Zeitalter der Mediologie ist die fundamentale Frage der Wahl zwischen Wahrheit und Ruhm. Im Angesicht dieser Wahl bestätigt jeder seine Wahrheit oder Lüge der Existenz. Alles andere ist unwichtig".

Das Schicksal des Lesens als Schicksal des Versinkens im menschlich Unsagbaren, und nicht in einem banalisierten GROßEN GLÄNZENDEN NICHTS nach Maßstab eines totalitären, manipulativen Bildes, ist selbstverständlich mit dem Schicksal des Menschlichen überhaupt verbunden.

Es fällt mir schwer, über die zukünftige Literatur und ihre Themen zu schreiben, denn ich habe echte Angst vor der Zukunft und ganz allgemein vor dem Schicksal dessen, was wir unter dem "Menschlichen" und demzufolge auch "Literarischen" in ihr zu verstehen pflegen. Ich habe Angst vor einer Welt, in der geklonte Psychen und Körper durch die virtuelle Realität reisen, deren mögliche Grenzen immer jemand bestimmen kann. Ich habe Angst vor den unzähligen Möglichkeiten des Terrors in einer Zeit, in der an einem unendlichen Band einmal Psychopaten und Mörder hergestellt werden, oder solche, die sich im Unterschied zu anderen immer mindestens eine Kopie ihrer selbst leisten können. Ich habe Angst vor diesem Schaf, da ich nicht weiß, wer die Hirten dieser zukünftigen planetaren Herde sein werden.

Was ich heute lese?
Das, was mir noch irgendetwas über irgendetwas außerhalb des Kreises reinen Totschlagens schwerer kleinbürgerlicher Langeweile sagt. Tag für Tag lese ich mit besonderer Freude zum Beispiel Béla Hamvas, das ungarische Genie, das behauptete, der Verstand könne beim Anhäufen von Wissen auf ebenso fatale Weise "einschlafen" wie bei Unwissenheit. Wenn ich mich richtig erinnere, schrieb Nietzsche einmal etwas Ähnliches – ich paraphrasiere: man sollte im Leben eigentlich nicht mehr als fünf bis sechs Bücher lesen, dafür aber wirklich wichtige.
Darüber denke ich immer nach, wenn ich vor tausenden von Büchern stehe, wie heute in Leipzig, in Vorfreude auf alles, was mich auf meiner Deutschlandreise noch erwartet. Und es erwarten mich eine Fahrt nach Dresden, nach Berlin... "Der Himmel über Berlin" war ein Film, der mein Leben, wie viele andere Filme von Wim Wenders auch, im wahrsten Sinne des Wortes prägte.
"Geh' zu deinem Hitler", sagte die Lehrerin zu meiner Mutter, als sie, ein Kind von Volksdeutschen, zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg in einem kleinen Dorf der Baranja das Klassenzimmer betrat. Selbstverständlich war es in keiner Weise "ihr" Hitler, und nach Berlin gehe ich, um, sei es auch nur für die Dauer einer Sekunde, die Luft einzuatmen, deretwegen jemand beschlossen hatte, für die Liebe die Ewigkeit zu verkaufen.
Heute weiß ich, dass dies im Grunde das einzige wirklich lohnende Geschäft ist.
Viel einbringlicher und bezaubernder als alles andere in dieser und in jeder anderen Welt, obgleich uns allzu oft scheint, woanders sei wirklich alles auch irgendwie anders.

Sind heute nur Narben an der Stelle, wo sich einst Flügel befanden? Das fragte sich der kroatische Dichter Romeo Mihaljević in einem seiner großartigen Verse, und irgendwie frage ich mich das auch...

Aus dem Kroatischen von Margit Jugo

Verfasst von Delimir Re?icki | 4. Satz: Literatur | Kommentare (0) | | +

Am 14/03/2008 um 10:03

Harry's Story ? Final Cut

von Edo Popović

Was ich in Leipzig dieses Jahr auf keinen Fall verpassen werde, das sind: der Stand des Alexander Verlags mit Jörg Fausers Büchern und die Veranstaltung im Club Horns Erben, wo Franz Dobler Gedichte von Fauser lesen wird. Ich will auch sagen, warum.

Auf Einladung von Albert Ostermeier nahm ich im Sommer 2007 am abc-Festival in Augsburg teil. Am Abend der feierlichen Eröffnung dieses Bertolt Brecht gewidmeten Festivals war mir allerdings alles andere als feierlich zumute – ich hatte schreckliche Kopfschmerzen. Weder Tabletten noch die eineinhalb Liter Wasser, die ich auf Anraten der Thekenfrau in einem Café getrunken hatte, noch die angenehme Atmosphäre – einfach nichts half. Im Gegenteil, die Kopfschmerzen waren so unangenehm, dass ich den größten Teil der Feierlichkeiten im Freien verbrachte, auf der Caféterrasse des Theaters, in dem alles stattfand. Dort saß ich am Tisch und dachte bei mir, was für ein Pechvogel ich sei, dass ich gerade jetzt solche Kopfschmerzen bekam, wo doch so viele interessante Leute um mich herum seien und es gut wäre, sie kennenzulernen und ein bisschen mit ihnen herumzuwitzeln.
In diesem Moment lud ein Mann neben mir mich ein, mich mit an seinen Tisch zu setzen. Er stellte sich als Michael Krüger vor und war in Gesellschaft einiger Freunde und Bekannten. Unter ihnen war auch Franz Dobler. Meine Kenntnisse der deutschen Literaturszene waren derart, dass ich keine Ahnung hatte, wer Michael Krüger war und in welchem Bereich er tätig sein könnte, dafür aber kam mir der Name Franz Dobler irgendwie bekannt vor. Die Kopfschmerzen hatten inzwischen immer mehr zugenommen, so dass ich mich sehr bemühen musste, den Eindruck eines Menschen zu hinterlassen, der aufmerksam zuzuhörte und sich am Gespräch beteiligte. Eigentlich konnte ich es kaum erwarten, ins Hotelzimmer zu kommen und dort entweder einzuschlafen oder zu sterben.

Dobler lernte ich am nächsten Abend vor dem Eingang irgendeines lauten Klubs näher kennen. Seine Art gefiel mir – wie er sprach und was er sagte. Er hatte Ähnlichkeit mit einem sympathischen Gauner aus amerikanischen Filmen der Siebziger. Wir waren gleich alt. Was er sagte, ergab Sinn, und ich erkannte, dass er dieselbe Hohe Schule der Tresen, des Alkohols und ähnlicher unheilvoller Dinge absolviert hatte wie ich. Am nächsten Tag tauschten wir Bücher aus; dabei machte ich ein tolles Geschäft – für ein Exemplar meines Romans "Ausfahrt Zagreb-Süd" bekam ich seinen Roman "Tollwut", die Gedichtsammlung "Westerngedichte" und das Prosabuch "Nachmittag eines Reporters".
Die ganze Zeit aber verfolgte mich sein Name. Irgendwo hatte ich ihn schon mal gehört, ganz bestimmt, aber mir wollte einfach nicht einfallen, wo und wann. Irgendwie jedoch verband ich ihn mit der Zeitschrift Quorum.

Deshalb nahm ich, sobald ich nach Zagreb zurückgekehrt war, die Quorum-Hefte der Achtziger zur Hand und begann, darin herumzublättern. Es dauerte nicht lange, bis ich unter dem Titel "Cut City Songs" meine Übersetzung einiger Gedichte von Jörg Fauser fand, außerdem ein Interview mit Jürgen Ploog (wir unterhielten uns im Herbst 1986 in Frankfurt) und ein wenig später auch zwei Erzählungen von Dobler: "Guten Morgen, Gestapo" und "Karo ist meine Mark". Und wer war als Übersetzer angegeben? Ich.
Ich war schockiert. Gut, es ist schon zwanzig Jahre her, und dazwischen lagen viel Alkohol, Krieg, Politik und diverse andere Wahnsinns- und Unheilserfahrungen. Aber wie hatte ich einen Schriftsteller vergessen können, dessen Erzählungen ich übersetzt hatte!

Die wahre Überraschung jedoch folgte, als ich Doblers Webseite besuchte. Dort erblickte ich die CD "Cut City Blues", auf der Dobler Verse von Fauser liest, den Dokumentarfilm "Rohstoff", in dem unter anderem Jürgen Ploog über Fauser spricht,... Vor meinen Augen tauchten in digitalisierter und re-masterter Form alte Bilder und Aufzeichnungen auf, Menschen, an die ich lange nicht gedacht hatte, in Vergessenheit geratene Bücher und verloren gegangene Manuskripte.   

1990 gab ich Semezdin Mehmedinović, einem Freund und Dichter aus Sarajevo, meine Übersetzung von Fausers Sammlung "Die Harry Gelb Story". Er zog die Veröffentlichung zunächst in die Länge, und dann begannen der Psychiater Karad?ić und ein Haufen seiner Patienten, sich Sarajevo zu widmen. In einem Winter verließ Semezdin die belagerte Stadt für kurze Zeit, als auf der Berlinale außer Konkurrenz Benjamin Filipovićs Film "Mizaldo, Kraj Teatra" ("Mizaldo, das Ende des Theaters") präsentiert wurde, dessen Kodrehbuchautor er war. Doch statt als Gast des Festivals nach Berlin zu gehen, blieb Semezdin lieber als mein Gast in Zagreb. Wir beide schliefen in diesen Tagen nicht viel. Wir tranken und redeten nur. Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich, dass die Sarajevoer Geschichte von Harry Gelb wie so viele Sarajevoer Geschichten ein trauriges Ende genommen hatte – das Buch und das einzige Exemplar der Übersetzung waren in Semezdins Wohnung nach dem Einschlag einer Phosphorgranate verbrannt.

Aus dem Kroatischen von Margit Jugo

Verfasst von Edo Popovic | 4. Satz: Literatur | Kommentare (1) | | +

Am 13/03/2008 um 09:22

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