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club_transmediale_2010


10 Tage ist ARTE-Online in den Berliner Clubs und diversen Aufführungsorten unterwegs und wird in Form von Interviews und Konzertmitschnitten von den Clubnächten und Performances des Club Transmediale berichten.


Spektral Continuum - Charlemagne Palestine

Freitag, 5. Februar, Französischer Dom

Während in der Kälte draußen vor dem Französischen Dom noch eine lange Menschenschlange darauf wartete, Einlass zu finden, drehte Charlemagne Palestine mit einem Rot- und einem Weißweinglas in den Händen seine Runden um den Flügel und das Cembalo, die er bereits mit seinen Plüschtieren dekoriert hatte. Der inzwischen 65jährige Palestine fühlte sich dabei wohl, umher zu wandeln, immer wieder einen Schluck Wein zu nehmen, seine Gäste persönlich zu begrüßen, etwas zu plaudern, sich ab und zu an das Klavier zu setzen und ein paar Töne zu spielen oder mit seinem sehr hohen Gesang die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, während das Publikum hereinströmte. Palestine schien guter Dinge, und sich über die jungen Besucher sehr zu freuen. Jedoch kippte die Stimmung schlagartig, als er feststellte, dass die Türen geschlossen wurden, obwohl draußen noch Menschen warteten, da der Saal ausverkauft war. Lautstark beschwerte sich Palestine über diese Ungerechtigkeit, wies auf mögliche Sitzplätze auf dem Boden hin und machte sich auf den Weg zum Eingang, um persönlich noch Leute hereinzuholen. Es hat ihm sichtlich Freude bereitet, sich wie damals ganz im Geiste der gegenkulturellen Jugendbewegung gegen Autoritäten zu erheben und zusätzlich seine Popularität zu nutzen. Keine Frage, es war eine noble Geste von Palestine, sie brachte aber die Veranstalter des CTM in arge Bedrängnis, da aufgrund von Sicherheitsbestimmungen keine weiteren Zuhörer hereingelassen werden durften. Nach langem hin und her beruhigte sich Palestine doch noch und begann seine Performance, indem er zunächst die Sitzreihen der Zuschauer singend umrundete, während er sein Weinglas durch stetiges Reiben erklingen ließ. Palestine versuchte das Publikum durch seinen mantraartigen Gesang, der jedoch teilweise kläglich dünn klang, auf den weiteren musikalischen Verlauf des Abends einzustimmen. Denn bereits seit den 60er Jahren inszeniert Palestine, als er im Umfeld von La Monte Young, Philip Glass und Terry Riley an der Herausbildung der Minimal Music maßgeblich beteiligt war, seine Performances in Anlehnung an schamanistische Rituale. Palestine ist von Anbeginn an der transzendierenden Kraft der Musik interessiert, und versetzt sein Publikum in stundenlangen Konzerten in tranceartige Zustände. In Berlin dauerte die Performance leider nur knapp anderthalb Stunden, dennoch war sie außergewöhnlich, da Palestine einer Dramaturgie folgend, zunächst das Cembalo, danach das Klavier und abschließend die Kirchenorgel betätigte. Auf der Orgel kam Palestines originär perkussive Spielweise, das sogenannte „strumming“, am Stärksten zur Geltung. Palestine zog diverse Register der Orgel und erzeugte einen voluminösen Klangteppich, über den sich seine oszillierenden und durch Überlagerung erzeugten Obertöne zu einer faszinierenden Klangfülle erheben konnten. Palestine entlockte der Orgel ungewöhnliche Töne, die von wabernden Geräuschen bis hin zu Motorenlärm reichten. Charlemagne Palestine ist eine originelle Type, ein Zeremonienmeister des Klaviers, der sich in seinen sphärischen Welten sehr heimisch fühlt, vielleicht auch ein bisschen zu sehr. Sein Berliner Konzert „Spektral Continuum“ gehört sicherlich nicht zu seinen besten Performances, dennoch ließ sie spüren, welch ungebrochen visionärer und humorvoller Unruhegeist in Charlemagne Palestine hausen.
 



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Le 11/02/2010 à 16:43

Dan Deacon - Freitag 5. Februar, WMF

Dan Deacon hat sich als musikalische Kunstfigur stilisiert. Er ist ein fideles Icon, das man nicht mehr aus seinem Gedächtnis löschen kann, sobald man ihn einmal live erlebt hat. Die überbordernde Energie des Cheapo-Sound-Maniacs sowie seine aberwitzige Show sind wahrhaft einmalig. Im WMF baute Deacon seinen beleuchteten Totenkopfschädel und einen Tisch ohne jegliche Absperrung direkt vor der Bühne und mitten im Publikum auf. Kurzerhand eröffnete Deacon einen Club im Club, mit seiner eigenen Stroboskoplightshow und direktem Kontakt zu seinen Fans. Und die ließen es sich nicht nehmen, in Griffweite des Musikers zu tanzen und auszuflippen, während er die vor sich liegenden Soundeffektgeräte und Rhythmusmaschinen betätigte und zum Mikro griff. Deacons Sound ist eine aberwitzige Mischung aus Bontempiorgel, Schlumpfrave, Gospel und Electropunk. Nichts weltbewegend Neues was er produziert. Trotzdem geht von ihm als Person sowie von seiner Show eine Faszination aus, der man sich nicht entziehen kann. Deacon ist ein mopsfideler Derwisch, ein Alleinunterhalter und Animateur, der mit großem Spaß sein Publikum zu begeistern weiß. Dabei bricht er mit allen Konventionen der Clubkultur, denn Outfit und Coolness zählen nicht mehr. Stattdessen weckt Deacon das Kind in uns. Seine Konzerte sind wie Kindergeburtstage inszeniert, bei denen man mitsingt, Spiele macht und so richtig albern sein kann. Und sobald er mit seinen holpernden Rhythmen und scheppernden Keyboards losfetzt, muss man einfach wild zappeln, umherhopsen, Grimassen schneiden und mal so richtig die Sau rauslassen. Der kollektive Rollentausch fand schließlich seinen krönenden Abschluss, als das Publikum die Bühne stürmte und hinter Deacon als Teil seiner Show tanzte und ausflippte.

http://www.myspace.com/dandeacon

http://video.google.com/videoplay?docid=-8635652179338464801#
 


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Le 11/02/2010 à 16:42

Four Tet - Freitag 5. Februar, WMF

Kieran Hebden alias Four Tet ist ein faszinierender Ausnahmemusiker, wie man ihn selten bei DJs und Produzenten findet. Hebden ist extrem interessiert an neuen Inspirationen und verfolgt parallel mehrere musikalische Projekte, ob nun sein Soloprogramm als Four Tet, die Postrockband Fridge oder das großartige Jazz-Elektro-Duett mit dem Schlagzeuger Steve Reid. Der über 60jährige Reid ist eine lebende Legende, hat er doch bereits für Soul- und Funkikonen wie James Brown und Fela Kuti getrommelt, als auch für Jazzgroßmeister wie Sun Ra und Miles Davis. Für Hebden waren die Sessions mit Reid eine, wie er selbst sagt, „Offenbarung“, da er gleichermaßen fasziniert von der Polyrhythmik des Jazz und des straighten Beats der Clubs fasziniert ist. Entsprechend vielfältig fallen Hebdens Alben aus. Durch das aktuelle Album „There Is Love In You“, das er im WMF vorgestellt hat, zieht sich erstmals ein geradliniger Puls, der die Massen sofort tanzen ließ. Zugleich weiß Four Tet durch ausgefeilte Arrangements und prägnante Samples, die er sowohl aus dem Folk, HipHop, Funk, Techno, Jazz als auch der Minimal Music generiert, einen völlig eigenständigen Sound zu kreieren, der ebenso ein hörverwöhntes Publikum zu begeistern weiß. Four Tet wird gleichermaßen von tanzfreudigen Kids geliebt als auch von Freunden der experimentellen Elektromusik. Als Opener seines Sets im WMF setzte Hebden Frauenvocals ein, wie man sie aus frühen Discosongs kennt. Doch er ließ er es nicht einfach dabei bewenden, sondern begann die Vocals zu cutten, ineinanderzuschieben und stark zu modulieren, bis sie den Track alleine getragen haben, ohne weitere Beats und Samples zu benötigen. Steve Reid hat Kieran Hebden sehr gut beschrieben, als er in einem Interview gesagt hat: „Für manche Leute ist er nur so ein Computertyp. Aber ich bin der Meinung, dass er sehr viel mehr ist. Denn er spielt ein richtiges Instrument.“

www.fourtet.net
http://www.arte.tv/de/Alle-Besprechungen/1229648.html
 


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Le 11/02/2010 à 16:41

Pattern Recognition

Mittwoch 3. Februar, Haus der Kulturen der Welt
Text: Matthias Schneider


Das Auditorium im Haus der Kulturen der Welt war bis auf den letzten Platz gefüllt, denn die beiden Veranstaltungen „Test Pattern“ von Ryoji Ikeda und „Materia Obscura“ von Jürgen Reble und Thomas Köner waren restlos ausverkauft. 


Bei ihrer Performance „Materia Obscura“ nahmen der Videokünstler Jürgen Reble und der Experimentalmusiker Thomas Köner den Betrachter mit auf eine audiovisuelle Reise durch Makro- und Mikrowelten. Zunächst erkannte man nur einen kleinen projizierten Punkt auf der Leinwand, der sich gleichmäßig vergrößerte, während dazu der krächzende Sound von Takelagen eingespielt wurde. Reble spielt mit einer optischen Täuschung, denn ob der kreisrunde Bildausschnitte nun herangezoomt wird oder sich der Betrachter auf ihn zu bewegt, war nicht auszumachen. Somit konnte es sich bei dem bläulichen Punkt sowohl um einen Planeten als auch um einen Mikrokosmos handeln. Als schließlich die gesamte Projektionsfläche der Leinwand gefüllt war, tauchte der Betrachter in eine Welt der pulsierenden Strukturen und Texturen ein, die Assoziationen zu Mond- und Vulkanlandschaften sowie zu Organismen gleichermaßen hervorriefen. Ob sie von chemischen Vorgängen oder organischen Abbildungen stammen, war für den Außenstehenden nicht immer erkenntlich. Reble, der sich als „Filmalchemist“ bezeichnet, hat live am Computer Tausende seiner „Chemograph“-Scans übereinandergeschichtet. Mit biologischen und chemischen Mitteln manipuliert Reble Filmemulsionen, die per Zufall nicht lineare Bilder produzieren, sondern stattdessen Form und Farbe hervorheben. Dennoch meint man vereinzelt Figuren, Umrisse und Szenen zu erkennen, die unter den Strukturen hervorschimmern. Es könnte aber auch genauso  sein, dass einem das Gehirn einen Streich spielt, da es „etwas“ sehen möchte und eigenständig Bilder produziert. Ganz selten lassen sich eindeutige Bilder fassen, wie zum Beispiel von Vögeln, Feuerflammen, Höhlenmalereien sowie von einer Frau mit abgewendeten Gesicht. Doch überwiegend befinden sich die Scans in einem stetigen Fluss, feuerrot einem Lavastrom nicht unähnlich, bläulichgrau an Baumpilze erinnernd oder mit erdigen Tönen, die Parallelen zu Anselm Kiefers Gemälden aufweisen. Ebenso im Fluss befinden sich die Sounds von Köner, die sich aus atmosphärischem Rauschen und sparsam eingesetzten Glockenklängen generieren. Köner, der seit 1992 mit Reble zusammenarbeitet, liefert einen düsteren Soundtrack, der genauso gut von einem David Lynch Film stammen könnte. Leider kamen die Bild- und die Klangwelten von Reble und Köner nicht zusammen, vielmehr liefen sie nebeneinander her, so dass sich keine zusätzliche Ebene ergab. Fast schien es so, dass der Sound von den nur zeitweilig interessanten Bildtransformationen ablenken sollte, damit man das Auditorium nicht vorzeitig verlässt, was dennoch einige Zuschauer gemacht haben. Leider konnte die Performance keine Spannung vom Anfang bis zum Ende aufbauen, so dass man erleichtert war, als sich die Projektion wieder auf einen schrumpfenden kleinen Punkt minimierte und kurz darauf das Licht anging.

http://www.filmalchemist.de/

http://www.koener.de/
 



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Le 06/02/2010 à 11:06

Ryoji Ikeda - "Test Pattern"

Im Vorfeld der darauffolgenden Live-Performance von Ryoji Ikeda wurde das Publikum davor gewarnt, dass der japanische Musiker mit rasend schnellen Schwarzweißprojektionen arbeitet. Falls man empfindlich auf Stroboskope reagieren sollte, wäre es besser den Saal zu verlassen. Eine weitere Warnung vor den sehr hohen Tonfrequenzen hätte man ebenso gerne vernommen. Glücklich waren diejenigen, die vorausschauend ein Paar Ohrstöpsel eingepackt hatten. Auf der Bühne stand Ikeda an zwei Computern und einem Mischpult, hinter ihm die vom Boden bis zur Decke reichende Leinwand. Darauf wurden in der Mitte bündig oder mehrfach geteilt, schwarzweiße Balken projiziert. Die Höhe der Balken, die Bildfrequenz mit der sie aufblitzten sowie das Tempo, mit der sie von oben nach unten oder von rechts nach links über die Leinwand rauschten, beruhte auf dem Audiosignal seiner Musik. Denn die flackernden Strichcodes wurden per Software live erzeugt. Mit einem anhaltenden Ton, der in seiner Frequenz stetig anstieg und der dazu korrespondierenden Bewegung der Balken, eröffnete Ikeda sein Set. Die Kompositionen des japanischen Künstlers beruhen auf tiefen Basssounds und reduzierten Rhythmen, die in ihrer Vielschichtigkeit und Timing an Taiko erinnern, der japanischen Trommeltradition. Nur selten hat Ikeda seinen Beats eine dezente Melodie beigefügt.

Überraschenderweise gab es in der Ausstellung der Transmediale eine analoge Entsprechung zu Ikedas Projektionen, nämlich die „White Noise“ Installation von ?ilvinas Kempinas. Der litauische Künstler arbeitet mit losen Videobändern, die in seinen Arbeiten sowohl in ihrer physischen Qualität sowie als Bildträger verhandelt werden. Einen dunklen Raum betretend, nimmt der Besucher ein weißes Rauschen wahr sowie ein leises Brummen und Flattern, das von Ventilatoren herrührt, die Hunderte von horizontal gespannten Videobändern vibrieren lassen. Von hinten angestrahlt, simulieren die schwarzweißen Linien eine Leinwand, die wie Ikedas Visuals ein hypnotisierendes Flackern produzieren. Ikedas „Test Pattern“ zeichnete zusätzlich das kongruente Reagieren von Bild und Musik aus, was die Performance zu einem audiovisuellen Erlebnis werden ließ.

http://www.ryojiikeda.com/ 


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Le 06/02/2010 à 11:04

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