Dear Americans,wir berichten auf Arte in diesen Wochen intensiv über die Präsidentschaftswahlen drüben bei Euch in Amerika. Ihr würdet staunen, wenn Ihr das sehen könntet. Das würdet Ihr umgekehrt nie machen! Aber Ihr könnt es ja vermutlich nicht sehen, wahrscheinlich kennt Ihr Arte gar nicht. Deshalb schreibe ich Euch vorsichtshalber auch noch jeden Tag einen Brief und erzähl Euch, wie das bei uns so rüberkommt, was da bei Euch jetzt gerade passiert. Post aus dem alten Europa! Oh je. RubrikenPost aus dem alten Europa (22 Beitr.) Aktuelle BeiträgeMedienArchivNovember 2008 (3 Beitr.) Oktober 2008 (19 Beitr.) LinksProfilName des Autors : Thomas Kausch Beschreibung : Thomas Kausch präsentiert seit Oktober 2007 regelmäßig ARTE-Themenabende am Dienstag. Er liebt Ameri... Straßburg, 5. November 2008 Dear Americans, yes, you did it! Wie konnte ich daran zweifeln. Wenn sich jemand neu erfinden kann, dann seid Ihr es. Amerika. Wenn jemand den Mut zur Hoffnung hat, dann seid Ihr es. Amerika. Und wenn jemand seine Träume leben kann, dann seid Ihr es. Amerika. Yes, you did it. Ich gratuliere Euch von ganzem Herzen zu Eurer Wahl. Ihr habt Geschichte geschrieben. Ihr habt in einer Nacht die Herzen der Welt zurückerobert. Den Glauben an Eure Kraft. Meine Briefe waren nicht umsonst. Na gut, vielleicht lag es nicht nur an meinen Briefen. Kleiner Scherz, um das Pathos zu brechen. Ich stehe immer noch unter dem Eindruck der Rede, die Barack Obama heute Nacht gehalten hat. Ich hab Sie mir erst heute Morgen angesehen und ich schäme mich nicht, zuzugeben, dass ich eine Gänsehaut hatte und Tränen in den Augen. Und selbst als die Menschen sein „Yes, we can“ wiederholten wie das „Herr, erbame Dich“ in der Kirche, wirkte das mehr ergreifend als befremdend. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die ganze Nacht aufzubleiben und alles live im Fernsehen zu verfolgen. Aber irgendwann bin ich dann doch vor Aufregungserschöpfung eingeschlafen. Vorher hab ich mir die Wahlübertragung mit einer alten Dame zusammen angesehen. Das war eine lustige Konstellation. Ich habe die Nacht in Straßburg verbracht, wo ja Arte seinen Hauptsitz hat, weil wie gestern Abend noch eine Dokumentation zu den beiden Kandidaten gesendet haben, die ich anmoderiert habe. Interessant übrigens, darin den Werdegang Obamas noch einmal zu sehen. Wir sagen ja immer, er sei aus dem Nichts gekommen und es sei absolut überraschend, dass er die Kandidatur überhaupt erringen konnte. Aber das stimmt nicht. Bei seiner scheinbar so zurückhaltenden und so gar nicht aggressiven Art, hat Barack Obama seine Karriere doch mit allem Kalkül und cooler Strategie verfolgt und durchaus auch die Ellbogen eingesetzt. Spätestens als er sich die Kandidatur zum US-Senat gegen eine alt gediente innerparteiliche Konkurrentin sicherte, um nicht zu sagen, er schubste sie bei Seite. Das war erst 2004. Und mit einer unglaublichen Chuzpe warf er dann nur zwei Jahre später seinen Hut in den Ring für die Präsidentschaftskandidatur, mit dem Kalkül eben, dass es keine anderen unverbrauchten Kandidaten gibt. Auch Hillary konnte ja nicht für einen hoffnungsvollen Neuanfang stehen, sondern allenfalls für ein sentimentales Zurück in die Clinton-Jahre. Anyway, nach der Sendung bin ich in mein kleines Hotel gefahren, in dem ich immer übernachte, wenn ich in Straßburg bin. Es ist wirklich sehr klein, eines dieser alten windschiefen Häuser im Petite France-Viertel, ganz versteckt gelegen. Ich mag das. Die Besitzerin kommt ursprünglich aus dem Iran und die alte Dame war ihre Mutter. Mit ihr saß ich also ganz allein im Salon vor dem einzigen Fernseher und schaute die halbe Nacht CNN. Sie war deshalb so an den Wahlen interessiert, weil sie seit Jahrzehnten in den USA lebt und gerade bei ihrer Tochter zu Besuch war. Sie hatte den Iran vor der Revolution verlassen, zusammen mit ihrem Mann, der im Schah-Regime Oberbefehlshaber der iranischen Streitkräfte war, erzählte sie mir. Sie flohen erst nach Straßburg und dann weiter nach Los Angeles. Ihre Tochter, meine Hotelbesitzerin also, wollte aber lieber in Frankreich bleiben und so kam es also, dass wir gestern Nacht zusammen saßen. Sie hat inzwischen die amerikanische Staatsbürgerschaft und natürlich fragte ich sie, ob sie denn schon gewählt habe. „Obama“, sagte sie sofort, „ich habe Obama gewählt“. McCain sei ein alter Mann, sagte sie und das war etwas amüsant angesichts ihres eigenen Alters. Natürlich habe ich nicht gefragt, wie alt sie ist und ich will es hier auch gar nicht schätzen, sie ist nämlich trotz ihrer Jahre von einer so würdevollen Schönheit, dass sich das verbietet. „Und außerdem muss sich wirklich etwas ändern und für einen wirklichen Wechsel steht glaubwürdig nur Obama“, das fügte sie noch hinzu und dann starrten wir wieder auf den Fernseher und warteten auf die ersten Ergebnisse. Als Pennsylvania dann an Obama ging, waren wir zum ersten Mal etwas beruhigt. Das Ermüdende trotz aller Spannung war ja, dass man dann immer wieder eine Stunde warten musste, bis zeitzonenmäßig die nächsten Wahllokale schlossen. Und, na ja, wir schauten ja in Frankreich und da trinkt man natürlich auch einen guten Wein dazu und das machte dann auch mal müde. Jedenfalls bin ich dann irgendwann nach drei Uhr ins Bett gegangen, während die alte Dame weiter CNN schaute. Und als ich dann heute morgen nach dem Aufwachen natürlich sofort nachschaute, ob Obama denn nun auch wirklich gewonnen hatte und - yes, he did - wäre ich am liebsten sofort ins Zimmer meiner neuen Freundin gestürzt, um sie zu umarmen. Aber das ging natürlich nicht. Dear Americans, wir danken Euch, jetzt beginnt eine neue Zeit. My very best regards Thomas
Verfasst von Thomas Kausch | Post aus dem alten Europa | Kommentare (2) | Am 05/11/2008 um 14:19
Berlin, 4. November 2008
Verfasst von Thomas Kausch | Post aus dem alten Europa | Kommentare (0) | Am 04/11/2008 um 13:17
Berlin, 3. November 2008 Dear Americans,
Ein guter Freund von mir, Thies Sponholz, ist der Direktor des „Hotel de Rome“, eines großen Berliner 5-Sterne-Hotels. Er kennt sich aus in der Welt, denn er ist rumgekommen. Wie das so ist in der Hotelbranche. Aber jetzt kommt das Beste: Er hat einen Onkel in Amerika, Uwe Sponholz! Wow! Ihr müsst wissen, das ist der Traum eines jeden Jungen hier im alten Europa, jedenfalls in Deutschland. Einen Onkel in Amerika zu haben. Der seinem Neffen tolle Sachen schickt, die es nur in Amerika gibt und den man in den Ferien besuchen kann. Die Tante natürlich auch. Thies hat mir ihre E-mail-Adresse gegeben, weil ich wissen wollte, was Deutsche in Amerika jetzt so über Amerika denken in diesen bewegten Zeiten. TK: Hallo Herr Sponholz, entsprechen Sie auch dem Klischee? Der reiche Onkel in Amerika, der seinem Neffen immer ganz tolle Geschenke geschickt hat?
Best regards Thomas
Verfasst von Thomas Kausch | Post aus dem alten Europa | Kommentare (0) | Am 03/11/2008 um 09:48
Berlin, 31. Oktober Dear Americans, nur noch vier Tage. Das letzte Wochenende vor der Entscheidung. Einmal noch zur Kirche gehen am Sonntag und beten, dass alles gut geht. Erinnert Ihr Euch? Ich habe einem meiner ersten Brief an Euch einen Chat mit meinem ehemaligen Kollegen in New York, dem ZDF-Korrespondenten Joachim Holtz, beigefügt. Jetzt habe ich ihn wieder angefunkt. TK: Hi Joachim, drei Wochen ist es her, seit wir zuletzt gechattet haben. Was ist Dir inzwischen aufgefallen? JH: Ich ärgere mich immer mehr über Palin, werde fast traurig, dass Hillary es nicht geschafft hat. Wenn ich mir vorstelle, dass dem alten Herrn McCain die Puste ausgeht, woah, Thomas, kaum vorstellbar, dann zieht diese Frau ohne Politik-Wissen ins White House. Ich fürchte, die verwechselt als erstes den Atomkoffer des Oberbefehlshabers mit ihrem Schminkköfferchen. TK: Aber mit Hillary hätten wir keinen Obama. Das kann man sich auch nicht mehr vorstellen. Die Welt hat Obama längst gewählt. Das wäre ein globaler Schock, wenn er doch noch verliert. JH: Es wird so still in Deutschland, kaum jemand wagt eine Prognose über den Wahlausgang in den USA, keiner wagt ein bisschen Euphorie. Eher Hoffnung, Hoffnung auf einen Sieg von Obama. Und ich grüble manchmal, was Angela Merkel wohl denkt, wenn sie von Obamas guten Aussichten liest. Ja Ja, die CDU steht den Republikanern näher, den Konservativen, und daher wollte die Kanzlerin Obama im Juli angeblich nicht am geschichtsträchtigen Brandenburger Tor reden lassen. Kennedy-Erinnerungen. Jetzt ahnt sie vielleicht, dass sie etwas falsch gemacht hat. Obama trat an der Siegessäule auf, klingt heute passend. Yes, we can. TK: Ja, das war kleinlich mit dem Brandenburger Tor. Kein Gefühl für den Moment. Apropos kleinlich: Obama hat fast 800 Millionen Dollar Spenden eingesammelt, McCain nicht mal die Hälfte. Gibst Du denen Recht, die sagen, man könne sich die Präsidentschaft in den USA kaufen? JH: Ehrlich gesagt, ich will so gern an Obama glauben. Daher zögere ich, JA zu sagen. Wir werden es an den politischen Entscheidungen des neuen Präsidenten erkennen. TK: Er wird bei Einigen in der Schuld stehen. JH: Auch er ist ein Amerikaner, wenn auch ein etwas anderer. TK: Immerhin kann er sich zur Not im Keller des Weißen Hauses Geld holen. Hast Du gelesen? Da steht ein Geld-Automat der White House Credit Union, oder so ähnlich! JH: Hoffentlich findet er da auch etwas anderes als Pizza. TK: Ja, Obama ist kein Pizza-Typ. Das ist ein Kultur-Mensch. Schon merkwürdig, dass wir uns so sehr in einen Politiker in einem fernen Land verlieben können, den wir in Wirklichkeit überhaupt nicht kennen. JH: Was meinst du, werden die vielen jungen Amerikaner, die jetzt wahlberechtigt sind, auch den jüngeren Kandidaten wählen? Wenn sie alle im Internet sind, werden sie dort ja am meisten Obama begegnen, Cyber-Obama. TK: Hoffen wir es. Aber merkst Du es, Joachim? Irgendwie bin ich ein bisschen wehmütig. Knapp zwei Jahre hält uns der Wahlkampf jetzt in Atem, inklusive Vorwahlkampf. Ich werde es vermissen. Die Hoffnung ist ja oft erquickender als die Realität des Alltags, der dann bald beginnt. So oder so. Ich glaube, es ist auch alles gesagt. Lass uns jetzt festlegen: Ein Erdrutsch-Sieg für Obama, ein knapper Sieg für Obama oder ein knapper Sieg für McCain? JH: Ich lass mich von der Hoffnung leiten, ein Erdrutsch-Sieg für Obama. TK: Ich würde Dir gern zustimmen, aber ich fürchte es wird knapp. In diesem Sinne, dear Americans, nutzt den Sonntag und betet! Best regards Thomas
Verfasst von Thomas Kausch | Post aus dem alten Europa | Kommentare (0) | Am 31/10/2008 um 12:22
Berlin, 30. Oktober 2008 Dear Americans, dies ist schon mein 18. Brief an Euch und ich habe immer noch keine Antwort bekommen. Manchmal frage ich mich, ob Ihr meine Briefe überhaupt lest. Allerdings habe ich jetzt gerade irgendwo gelesen, dass ich nicht der einzige Journalist bin, der sich in diesem Wahlkampf in einer Sinnkrise befindet. Dass ich nicht mal mehr weiß, wo ich das gelesen habe, ist ein guter Beleg dafür. Noch nie haben so viele Menschen über einen amerikanischen Wahlkampf berichtet wie diesmal. Das liegt am Internet, falls Ihr Euch gefragt habt, woran das liegt. Jeder kann da ja schreiben, was er will. Selbst ein deutscher Arte-Journalist, der gerade ein bisschen quer durch Europa reist, der sich so gesehen im Grunde verfahren hat, denn eigentlich müsste er ja mit den Kandidaten im Wahlkampftross unterwegs sein, einer von den „Boys on the Bus“, nach dem Titel des legendären Buches von Timothy Crouse über den Wahlkampf 1972, der zeigte, dass am Ende alle Washingtoner Star-Journalisten, die mit dem Kandidaten im Bus unterwegs waren, das gleiche schrieben. Logisch ja eigentlich. Ich erinnere mich an meine Einsätze als Kriegsreporter. Manchmal fassten mein Team und ich morgens den Entschluss, an den Ort xy zu fahren, wo keine Pressekonferenz anberaumt war. In Bosnien, oder Ruanda oder Somalia oder sonst wo. Man hatte dann aber doch immer ein verdammt blödes Gefühl, wenn man da ganz alleine war. Exklusivgeschichte hin oder her. Verpasst man am Ende nicht wichtige Ereignisse an einem anderen Ort? Da wo alle waren? Meistens sind wir deshalb dann doch dem Herdentrieb gefolgt und es ist schon so: Im Grunde haben dann alle das gleiche berichtet. Apropos Somalia. Das werde ich nie vergessen. Von wegen amerikanischer Vorzeige-Journalismus. Die Invasion 1993 – ja, ich glaube es war 93, oder? Später in „Black Hawk Down“ verfilmt. Schon vor George Bush wollten Eure Präsidenten ja immer die Welt retten. Jedenfalls kommen wir da zum Strand, wo die Invasion erwartet wird, und oben auf der Düne steht ein News-Anchorman neben dem anderen: Dan Rather, Tom Brakow, Peter Jennings selig, ich stand neben Ted Koppel. Damals habe ich als Producer für den ZDF-Korrespondenten Joachim Holtz gearbeitet. Und weil das ZDF kein Geld hatte, extra einen Producer mit zu schicken, war ich offiziell als Tonmann dabei. Jedenfalls stehe ich also da, es ist dunkel, und wie’s der Zufall will, um Punkt halb sieben amerikanischer Zeit, wenn an der Ostküste die abendlichen Nachrichten beginnen, beginnt auch die Invasion, die Scheinwerfer flammen auf und die Anchormen reden alle gleichzeitig los: „As you can see behind me, the invasion of Somalia has just begun...“ Und Kameraleute stürzen sich auf die ranrobbenden Navy Seals und leuchten ihnen in die lehmverschmierten Tarngesichter. Das war ganz großes Kino. Hatte allerdings mit echtem Journalismus nicht viel zu tun. Alles war abgesprochen. Letztlich das Gleiche wie Bushs Sturzflug im Kampfjet auf den Flugzeugträger, nachdem der Krieg im Irak „gewonnen“ war. „Mission accomplished“, Ihr erinnert Euch, der Oberkommandierende fliegt an die Front, nur das der Flugzeugträger gar nicht im Golf war, sondern vor der kalifornischen Küste, also vor der Küste Hollywoods. Und die Fernsehsender waren im Top Gun-Feeling und übertrugen alles völlig unkritisch 1:1. Anyway, wo war ich? Die Boys on the Bus. Ja, die glauben also manchmal, sie sind falsch zugestiegen. So nah dran und doch so fern der Kandidaten. Die geben nämlich oft lieber den Bloggern am Straßenrand Interviews, weil die alles, aber auch alles sofort online stellen. Das wiederum lesen wieder Abertausende Blogger daheim und die schreiben Ihre Kommentare dazu, was wiederum Abertausende... und so potenziert sich das. Einige der heißesten Wahlkampf-News, vor allem die Ausrutscher, wurden ja nicht von den Profis, sondern von Amateuren eingefangen und sofort ins Netz gestellt. Ob das ein Fortschritt ist? Keine Ahnung. Demokratie pur, der Filter fällt halt weg. So unprofessionell die Berichte dadurch manchmal werden, so professionell müssten dann die Leser auf der anderen Seite damit umgehen können, um alles richtig einordnen zu können. Und die Massenkonkurrenz führt natürlich auch zu Info-Müll, den man dann wieder trennen muss. Aber Ihr trennt ja keinen Müll, so wie wir hier in Deutschland. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie sich das auf die nächsten Wahlen nächstes Jahr bei uns hier auswirken wird. Wir machen Euch ja alles nach. Neulich habe ich mit einem Berater der SPD gesprochen, dass ist in etwa das, was bei Euch die Demokraten sind, und der sagte, man werde auch schwer auf’s Internet setzen. Das wird interessant. Im Mülltrennen macht uns so schnell keiner was vor. Best regards Thomas
Verfasst von Thomas Kausch | Post aus dem alten Europa | Kommentare (0) | Am 30/10/2008 um 14:09
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