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Dear Americans,


wir berichten auf Arte in diesen Wochen intensiv über die Präsidentschaftswahlen drüben bei Euch in Amerika. Ihr würdet staunen, wenn Ihr das sehen könntet. Das würdet Ihr umgekehrt nie machen! Aber Ihr könnt es ja vermutlich nicht sehen, wahrscheinlich kennt Ihr Arte gar nicht. Deshalb schreibe ich Euch vorsichtshalber auch noch jeden Tag einen Brief und erzähl Euch, wie das bei uns so rüberkommt, was da bei Euch jetzt gerade passiert. Post aus dem alten Europa! Oh je.


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Beschreibung : Thomas Kausch präsentiert seit Oktober 2007 regelmäßig ARTE-Themenabende am Dienstag. Er liebt Ameri...

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Yes, you did it!

Straßburg, 5. November 2008
Dear Americans,
yes, you did it! Wie konnte ich daran zweifeln. Wenn sich jemand neu erfinden kann, dann seid Ihr es. Amerika. Wenn jemand den Mut zur Hoffnung hat, dann seid Ihr es. Amerika. Und wenn jemand seine Träume leben kann, dann seid Ihr es. Amerika. Yes, you did it. Ich gratuliere Euch von ganzem Herzen zu Eurer Wahl. Ihr habt Geschichte geschrieben. Ihr habt in einer Nacht die Herzen der Welt zurückerobert. Den Glauben an Eure Kraft. Meine Briefe waren nicht umsonst. Na gut, vielleicht lag es nicht nur an meinen Briefen. Kleiner Scherz, um das Pathos zu brechen. Ich stehe immer noch unter dem Eindruck der Rede, die Barack Obama heute Nacht gehalten hat. Ich hab Sie mir erst heute Morgen angesehen und ich schäme mich nicht, zuzugeben, dass ich eine Gänsehaut hatte und Tränen in den Augen. Und selbst als die Menschen sein „Yes, we can“ wiederholten wie das „Herr, erbame Dich“ in der Kirche, wirkte das mehr ergreifend als befremdend.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die ganze Nacht aufzubleiben und alles live im Fernsehen zu verfolgen. Aber irgendwann bin ich dann doch vor Aufregungserschöpfung eingeschlafen. Vorher hab ich mir die Wahlübertragung mit einer alten Dame zusammen angesehen. Das war eine lustige Konstellation. Ich habe die Nacht in Straßburg verbracht, wo ja Arte seinen Hauptsitz hat, weil wie gestern Abend noch eine Dokumentation zu den beiden Kandidaten gesendet haben, die ich anmoderiert habe. Interessant übrigens, darin den Werdegang Obamas noch einmal zu sehen. Wir sagen ja immer, er sei aus dem Nichts gekommen und es sei absolut überraschend, dass er die Kandidatur überhaupt erringen konnte. Aber das stimmt nicht. Bei seiner scheinbar so zurückhaltenden und so gar nicht aggressiven Art, hat Barack Obama seine Karriere doch mit allem Kalkül und cooler Strategie verfolgt und durchaus auch die Ellbogen eingesetzt. Spätestens als er sich die Kandidatur zum US-Senat gegen eine alt gediente innerparteiliche Konkurrentin sicherte, um nicht zu sagen, er schubste sie bei Seite. Das war erst 2004. Und mit einer unglaublichen Chuzpe warf er dann nur zwei Jahre später seinen Hut in den Ring für die Präsidentschaftskandidatur, mit dem Kalkül eben, dass es keine anderen unverbrauchten Kandidaten gibt. Auch Hillary konnte ja nicht für einen hoffnungsvollen Neuanfang stehen, sondern allenfalls für ein sentimentales Zurück in die Clinton-Jahre.
Anyway, nach der Sendung bin ich in mein kleines Hotel gefahren, in dem ich immer übernachte, wenn ich in Straßburg bin. Es ist wirklich sehr klein, eines dieser alten windschiefen Häuser im Petite France-Viertel, ganz versteckt gelegen. Ich mag das. Die Besitzerin kommt ursprünglich aus dem Iran und die alte Dame war ihre Mutter. Mit ihr saß ich also ganz allein im Salon vor dem einzigen Fernseher und schaute die halbe Nacht CNN. Sie war deshalb so an den Wahlen interessiert, weil sie seit Jahrzehnten in den USA lebt und gerade bei ihrer Tochter zu Besuch war. Sie hatte den Iran vor der Revolution verlassen, zusammen mit ihrem Mann, der im Schah-Regime Oberbefehlshaber der iranischen Streitkräfte war, erzählte sie mir. Sie flohen erst nach Straßburg und dann weiter nach Los Angeles. Ihre Tochter, meine Hotelbesitzerin also, wollte aber lieber in Frankreich bleiben und so kam es also, dass wir gestern Nacht zusammen saßen. Sie hat inzwischen die amerikanische Staatsbürgerschaft und natürlich fragte ich sie, ob sie denn schon gewählt habe. „Obama“, sagte sie sofort, „ich habe Obama gewählt“. McCain sei ein alter Mann, sagte sie und das war etwas amüsant angesichts ihres eigenen Alters. Natürlich habe ich nicht gefragt, wie alt sie ist und ich will es hier auch gar nicht schätzen, sie ist nämlich trotz ihrer Jahre von einer so würdevollen Schönheit, dass sich das verbietet. „Und außerdem muss sich wirklich etwas ändern und für einen wirklichen Wechsel steht glaubwürdig nur Obama“, das fügte sie noch hinzu und dann starrten wir wieder auf den Fernseher und warteten auf die ersten Ergebnisse. Als Pennsylvania dann an Obama ging, waren wir zum ersten Mal etwas beruhigt. Das Ermüdende trotz aller Spannung war ja, dass man dann immer wieder eine Stunde warten musste, bis zeitzonenmäßig die nächsten Wahllokale schlossen. Und, na ja, wir schauten ja in Frankreich und da trinkt man natürlich auch einen guten Wein dazu und das machte dann auch mal müde. Jedenfalls bin ich dann irgendwann nach drei Uhr ins Bett gegangen, während die alte Dame weiter CNN schaute. Und als ich dann heute morgen nach dem Aufwachen natürlich sofort nachschaute, ob Obama denn nun auch wirklich gewonnen hatte und - yes, he did - wäre ich am liebsten sofort ins Zimmer meiner neuen Freundin gestürzt, um sie zu umarmen. Aber das ging natürlich nicht. Dear Americans, wir danken Euch, jetzt beginnt eine neue Zeit.
My very best regards
Thomas

Verfasst von Thomas Kausch | Post aus dem alten Europa | Kommentare (2) | | +

Am 05/11/2008 um 14:19

Jetzt oder nie

Berlin, 4. November 2008
 
Dear Americans,
 
ich hab alles gegeben.
Ich hab Euch 20 Briefe geschrieben.
Now it's your turn to make history.
 
Bitte versemmelt es nicht.
 
All the best
 
Thomas

Verfasst von Thomas Kausch | Post aus dem alten Europa | Kommentare (0) | | +

Am 04/11/2008 um 13:17

Auswanderer-Stimmen

Berlin, 3. November 2008

Dear Americans,


morgen ist es also soweit. Nach fast zwei Jahren Vorwahlkampf und Wahlkampf fällt endlich die Entscheidung. Alle Argumente sind hinlänglich ausgetauscht. Es gibt nichts mehr zu sagen. Wir können nur noch warten. Das ist aber zermürbend, deshalb habe ich mir ein wenig die Zeit vertrieben und noch einmal gechattet.

Ein guter Freund von mir, Thies Sponholz, ist der Direktor des „Hotel de Rome“, eines großen Berliner 5-Sterne-Hotels. Er kennt sich aus in der Welt, denn er ist rumgekommen. Wie das so ist in der Hotelbranche. Aber jetzt kommt das Beste: Er hat einen Onkel in Amerika, Uwe Sponholz! Wow! Ihr müsst wissen, das ist der Traum eines jeden Jungen hier im alten Europa, jedenfalls in Deutschland. Einen Onkel in Amerika zu haben. Der seinem Neffen tolle Sachen schickt, die es nur in Amerika gibt und den man in den Ferien besuchen kann. Die Tante natürlich auch. Thies hat mir ihre E-mail-Adresse gegeben, weil ich wissen wollte, was Deutsche in Amerika jetzt so über Amerika denken in diesen bewegten Zeiten.

TK: Hallo Herr Sponholz, entsprechen Sie auch dem Klischee? Der reiche Onkel in Amerika, der seinem Neffen immer ganz tolle Geschenke geschickt hat?
US: Ab und zu haben wir ihm mal etwas geschickt, worauf er sich immer sehr gefreut hat.
TK: Wie und wann hat es Sie nach Amerika verschlagen? Und wo leben Sie eigentlich?
US: Ich bin 1951 ausgewandert, ursprünglich aus Kiel, zu meiner Tante in North California.  Wir wohnen jetzt etwas südlich von San Francisco in San Mateo.
TK: Und warum sind Sie ausgewandert?
US: Es waren schlechte Zeiten in Deutschland damals, gerade nach Kriegsende. Und Amerika war und ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten.  Meine Tante, die Schwester meiner Mutter, hatte mich eingeladen und ich habe sofort "Ja" gesagt.  Habe es nie bereut.
TK: Was beeindruckt Sie besonders an Amerika und den Amerikanern?
US: Amerika bietet einem viele berufliche Möglichkeiten, das große und offene Land, das Leben überhaupt.  Die Amerikaner sind sehr gastfreundlich, lebhaft, flexibel, großzügig.  "Live and let live".  Wer hart arbeitet, kann es hier immer noch zu etwas bringen.
TK: Welchen Beruf haben Sie denn?
US: Ich will noch hinzufügen, dass es damals gar nicht einfach war für mich, ein Visum zu bekommen, denn in den Augen der Amerikanischen Regierung war ich ein ehemaliger Nazi, denn ich gehörte der Deutschen Jugend an, als ich 10 Jahre alt war.
TK: Haben die Amerikaner Sie das spüren lassen, ich meine nicht die Behörden, die Menschen?
US: Nein überhaupt nicht, sie haben mich mit offenen Armen empfangen.
TK: Was ist also Ihr Beruf?
US: Ich was fast mein ganzes Leben lang selbständig, in verschieden Branchen, der Pharma Branche, In- und Export, und der Electronic. Schon im Alter von 20 Jahren war ich Mitinhaber einer kleinen Firma.
Mit 14 habe ich das Visum für Amerika beantragt und als ich 17 Jahre alt war, habe ich es endlich bekommen.
TK: So früh wussten Sie schon, dass Sie nach Amerika wollten?! Wie alt waren Sie denn dann, als Sie auswanderten?
US: Ja, ich hatte leider keine schöne Jugend, bin 1934 geboren, als ich dann so zur Besinnung kam, fing der Zweite Weltkrieg an.  Die Kriegsjahre in Kiel waren nicht gerade schön, und dann kamen die schlimmen Nachkriegsjahre, nur ein kleines Zimmer für meine Mutter und uns 4 Kinder, (mein Vater war in englischer Kriegsgefangenschaft), der ewige Hunger, ein langer Fußweg zur Schule, usw. Als uns dann 1947 meine Tante aus Amerika besuchte, hat sie mir angeboten, mich zu sponsern, was ich sofort annahm. Mit 17 bin ich dann ausgewandert. Meine Zeit in Deutschland war nicht schön.  Bin auch erst 1965 das erste Mal wieder zu Besuch gekommen.  Danach aber jedes Jahr wieder, jetzt liebe ich Deutschland.
TK: Morgen ist der Tag der Entscheidung in den USA. Dürfen Sie auch wählen? Haben Sie einen amerikanischen Pass?
US: Ja, meine Frau und ich sind US-Bürger.  Ich wurde schon 1956 Amerikaner und Ingrid vor zwei Jahren.  Wir haben beide schon per Briefwahl gewählt.  Ingrid konnte ihre Deutsche Staatsbürgerschaft behalten, damals musste ich meine aufgeben.
TK: Jetzt bin ich natürlich neugierig – darf ich Sie fragen, wen Sie gewählt haben?
US: Ja, ich habe McCain und Ingrid Obama gewählt
TK: Das ist ja interessant! Haben Sie darüber gestritten?
US: Nein, wir respektieren die Meinungen des Partners.  Und es hilft sowieso nicht, darüber zu streiten, denn hier in California wird McCain sowieso keine Chance haben.
TK: Haben Sie keine Sorgen, dass McCain zu alt ist? Stellen Sie sich vor, Frau Palin müsste übernehmen. Um Gottes Willen, das geht doch nicht!
US: Ich bin der Meinung, dass Frau Palin genau so qualifiziert ist wie Obama.  Sie ist eine Governeurin, und er hat noch kein hohes Amt außer Senator gehabt. Aber meine Frau ist genau Ihrer Meinung.
TK: Dann richten Sie Ihrer Frau schon mal meine besten Grüße aus! Was gefällt Ihnen denn an McCain?
US: Da müsste ich ein Buch schreiben, aber kurz gefasst, er ist für wenig Government, er ist für freie Wirtschaft, für die Unterstützung unserer Soldaten im Irak, um ein gutes Ende zu erzielen, für freiwillige Krankenversicherungen mit Hilfe des Staates, usw.
TK: Und was gefällt Ihrer Frau an Obama?
US: Und, nicht zu vergessen, gegen den Sozialismus der Obama, Pelosi, Boxes, etc. -Klicke
TK: Oh, jetzt habe ich Sie aber ins Rollen gebracht. Was mag Ihre Frau an Obama?
US: Das sollte sie selbst schreiben.
Ingrid Sponholz: Seine Intelligenz, seine Dynamik, seine Ausstrahlung und Menschlichkeit, seine Jugend verglichen mit McCain.
TK: Oh, Frau Sponholz, Sie sind auch da! Ich bewundere Ihr politisches Gespür!
IS: Danke.
TK: Dass Sie Ihren Mann nicht davon überzeugen konnten!
IS: Mir ist Amerika wichtiger.
US: Ich bin nicht so einfach zu überzeugen.
TK: Bekommen die Amerikaner, also auch Sie, eigentlich mit, dass die ganze Welt Obama wählen würde? So gesehen tragen Sie eine globale Verantwortung, wenn sie ihre Stimme abgeben.
US: Wir wählen für unser Land.  Wir werden sehen, ob die ganze Welt Recht hatte in den nächsten Jahren.
TK: Vielen Dank für dieses wirklich sehr interessante Gespräch. Nur schade, dass Sie Ihren Brief mit Ihrer McCain-Stimme schon abgeschickt haben, Herr Sponholz, sonst hätte ich sie noch zu überzeugen versucht, auf Obama umzuschwenken. Aber wenn Ihre Frau das schon nicht geschafft hat... Aber wie sagten Sie vorhin: live and let live. In diesem Sinne: Vielen Dank und alles Gute für Sie beide.
US und IS: Wir danken Ihnen auch und wünschen Ihnen alles Gute.


Tja, da sieht man es, zwei zufällig ausgewählte Stimmen und die eine ist für McCain, die andere für Obama. Es wird bestimmt noch spannender morgen, als wir denken.

Best regards

Thomas

Verfasst von Thomas Kausch | Post aus dem alten Europa | Kommentare (0) | | +

Am 03/11/2008 um 09:48

Wehmut

Berlin, 31. Oktober
Dear Americans,
nur noch vier Tage. Das letzte Wochenende vor der Entscheidung. Einmal noch zur Kirche gehen am Sonntag und beten, dass alles gut geht. Erinnert Ihr Euch? Ich habe einem meiner ersten Brief an Euch einen Chat mit meinem ehemaligen Kollegen in New York, dem ZDF-Korrespondenten Joachim Holtz, beigefügt. Jetzt habe ich ihn wieder angefunkt.
TK: Hi Joachim, drei Wochen ist es her, seit wir zuletzt gechattet haben. Was ist Dir inzwischen aufgefallen?
JH: Ich ärgere mich immer mehr über Palin, werde fast traurig,
dass Hillary es nicht geschafft hat. Wenn ich mir vorstelle, dass dem alten Herrn McCain die Puste ausgeht, woah, Thomas, kaum vorstellbar, dann zieht diese Frau ohne Politik-Wissen ins White House. Ich fürchte, die verwechselt als erstes den Atomkoffer des Oberbefehlshabers mit ihrem Schminkköfferchen.
TK: Aber mit Hillary hätten wir keinen Obama. Das kann man sich auch nicht mehr vorstellen. Die Welt hat Obama längst gewählt. Das wäre ein globaler Schock, wenn er doch noch verliert.
JH: Es wird so still in Deutschland, kaum jemand wagt eine Prognose über den Wahlausgang in den USA, keiner wagt ein bisschen Euphorie.
Eher Hoffnung, Hoffnung auf einen Sieg von Obama. Und ich grüble manchmal, was Angela Merkel wohl denkt, wenn sie von Obamas guten Aussichten liest. Ja Ja, die CDU steht den Republikanern näher, den Konservativen, und daher wollte die Kanzlerin Obama im Juli angeblich nicht am geschichtsträchtigen Brandenburger Tor reden lassen. Kennedy-Erinnerungen. Jetzt ahnt sie vielleicht, dass sie etwas falsch gemacht hat. Obama trat an der Siegessäule auf, klingt heute passend. Yes, we can.

TK: Ja, das war kleinlich mit dem Brandenburger Tor. Kein Gefühl für den Moment. Apropos kleinlich: Obama hat fast 800 Millionen Dollar Spenden eingesammelt, McCain nicht mal die Hälfte. Gibst Du denen Recht, die sagen, man könne sich die Präsidentschaft in den USA kaufen?
JH: Ehrlich gesagt, ich will so gern an Obama glauben.
Daher zögere ich, JA zu sagen. Wir werden es an den politischen Entscheidungen des neuen Präsidenten erkennen.
TK: Er wird bei Einigen in der Schuld stehen.
JH: Auch er ist ein Amerikaner, wenn auch ein etwas anderer.
TK: Immerhin kann er sich zur Not im Keller des Weißen Hauses Geld holen. Hast Du gelesen? Da steht ein Geld-Automat der White House Credit Union, oder so ähnlich!
JH: Hoffentlich findet er da auch etwas anderes als Pizza.
TK: Ja, Obama ist kein Pizza-Typ. Das ist ein Kultur-Mensch. Schon merkwürdig, dass wir uns so sehr in einen Politiker in einem fernen Land verlieben können, den wir in Wirklichkeit überhaupt nicht kennen.
JH: Was meinst du, werden die vielen jungen Amerikaner, die jetzt wahlberechtigt sind, auch den jüngeren Kandidaten wählen? Wenn sie alle im Internet sind, werden sie dort ja am meisten Obama begegnen, Cyber-Obama.
TK: Hoffen wir es. Aber merkst Du es, Joachim? Irgendwie bin ich ein bisschen wehmütig. Knapp zwei Jahre hält uns der Wahlkampf jetzt in Atem, inklusive Vorwahlkampf. Ich werde es vermissen. Die Hoffnung ist ja oft erquickender als die Realität des Alltags, der dann bald beginnt. So oder so. Ich glaube, es ist auch alles gesagt. Lass uns jetzt festlegen: Ein Erdrutsch-Sieg für Obama, ein knapper Sieg für Obama oder ein knapper Sieg für McCain?
JH: Ich lass mich von der Hoffnung leiten, ein Erdrutsch-Sieg für Obama.
TK: Ich würde Dir gern zustimmen, aber ich fürchte es wird knapp.
In diesem Sinne, dear Americans, nutzt den Sonntag und betet!
Best regards
Thomas

Verfasst von Thomas Kausch | Post aus dem alten Europa | Kommentare (0) | | +

Am 31/10/2008 um 12:22

Müll trennen

Berlin, 30. Oktober 2008

Dear Americans,

dies ist schon mein 18. Brief an Euch und ich habe immer noch keine Antwort bekommen. Manchmal frage ich mich, ob Ihr meine Briefe überhaupt lest. Allerdings habe ich jetzt gerade irgendwo gelesen, dass ich nicht der einzige Journalist bin, der sich in diesem Wahlkampf in einer Sinnkrise befindet. Dass ich nicht mal mehr weiß, wo ich das gelesen habe, ist ein guter Beleg dafür. Noch nie haben so viele Menschen über einen amerikanischen Wahlkampf berichtet wie diesmal. Das liegt am Internet, falls Ihr Euch gefragt habt, woran das liegt. Jeder kann da ja schreiben, was er will. Selbst ein deutscher Arte-Journalist, der gerade ein bisschen quer durch Europa reist, der sich so gesehen im Grunde verfahren hat, denn eigentlich müsste er ja mit den Kandidaten im Wahlkampftross unterwegs sein, einer von den „Boys on the Bus“, nach dem Titel des legendären Buches von Timothy Crouse über den Wahlkampf 1972, der zeigte, dass am Ende alle Washingtoner Star-Journalisten, die mit dem Kandidaten im Bus unterwegs waren, das gleiche schrieben. Logisch ja eigentlich. Ich erinnere mich an meine Einsätze als Kriegsreporter. Manchmal fassten mein Team und ich morgens den Entschluss, an den Ort xy zu fahren, wo keine Pressekonferenz anberaumt war. In Bosnien, oder Ruanda oder Somalia oder sonst wo. Man hatte dann aber doch immer ein verdammt blödes Gefühl, wenn man da ganz alleine war. Exklusivgeschichte hin oder her.  Verpasst man am Ende nicht wichtige Ereignisse an einem anderen Ort? Da wo alle waren? Meistens sind wir deshalb dann doch dem Herdentrieb gefolgt und es ist schon so: Im Grunde haben dann alle das gleiche berichtet. Apropos Somalia. Das werde ich nie vergessen. Von wegen amerikanischer Vorzeige-Journalismus. Die Invasion 1993 – ja, ich glaube es war 93, oder? Später in „Black Hawk Down“ verfilmt. Schon vor George Bush wollten Eure Präsidenten ja immer die Welt retten. Jedenfalls kommen wir da zum Strand, wo die Invasion erwartet wird, und oben auf der Düne steht ein News-Anchorman neben dem anderen: Dan Rather, Tom Brakow, Peter Jennings selig, ich stand neben Ted Koppel. Damals habe ich als Producer für den ZDF-Korrespondenten Joachim Holtz gearbeitet. Und weil das ZDF kein Geld hatte, extra einen Producer mit zu schicken, war ich offiziell als Tonmann dabei. Jedenfalls stehe ich also da, es ist dunkel, und wie’s der Zufall will, um Punkt halb sieben amerikanischer Zeit, wenn an der Ostküste die abendlichen Nachrichten beginnen, beginnt auch die Invasion, die  Scheinwerfer flammen auf und die Anchormen reden alle gleichzeitig los: „As you can see behind me, the invasion of Somalia has just begun...“ Und Kameraleute stürzen sich auf die ranrobbenden Navy Seals und leuchten ihnen in die lehmverschmierten Tarngesichter. Das war ganz großes Kino. Hatte allerdings mit echtem Journalismus nicht viel zu tun. Alles war abgesprochen. Letztlich das Gleiche wie Bushs Sturzflug im Kampfjet auf den Flugzeugträger, nachdem der Krieg im Irak „gewonnen“ war. „Mission accomplished“, Ihr erinnert Euch, der Oberkommandierende fliegt an die Front, nur das der Flugzeugträger gar nicht im Golf war, sondern vor der kalifornischen Küste, also vor der Küste Hollywoods. Und die Fernsehsender waren im Top Gun-Feeling und übertrugen alles völlig unkritisch 1:1. Anyway, wo war ich? Die Boys on the Bus. Ja, die glauben also manchmal, sie sind falsch zugestiegen. So nah dran und doch so fern der Kandidaten. Die geben nämlich oft lieber den Bloggern am Straßenrand Interviews, weil die alles, aber auch alles sofort online stellen. Das wiederum lesen wieder Abertausende Blogger daheim und die schreiben Ihre Kommentare dazu, was wiederum Abertausende... und so potenziert sich das. Einige der heißesten Wahlkampf-News, vor allem die Ausrutscher, wurden ja nicht von den Profis, sondern von Amateuren eingefangen und sofort ins Netz gestellt. Ob das ein Fortschritt ist? Keine Ahnung. Demokratie pur, der Filter fällt halt weg. So unprofessionell die Berichte dadurch manchmal werden, so professionell müssten dann die Leser auf der anderen Seite damit umgehen können, um alles richtig einordnen zu können. Und die Massenkonkurrenz führt natürlich auch zu Info-Müll, den man dann wieder trennen muss. Aber Ihr trennt ja keinen Müll, so wie wir hier in Deutschland. Ich bin jedenfalls sehr gespannt, wie sich das auf die nächsten Wahlen nächstes Jahr bei uns hier auswirken wird. Wir machen Euch ja alles nach. Neulich habe ich mit einem Berater der SPD gesprochen, dass ist in etwa das, was bei Euch die Demokraten sind, und der sagte, man werde auch schwer auf’s Internet setzen. Das wird interessant. Im Mülltrennen macht uns so schnell keiner was vor.

Best regards

Thomas

Verfasst von Thomas Kausch | Post aus dem alten Europa | Kommentare (0) | | +

Am 30/10/2008 um 14:09

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