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Dear Americans,


wir berichten auf Arte in diesen Wochen intensiv über die Präsidentschaftswahlen drüben bei Euch in Amerika. Ihr würdet staunen, wenn Ihr das sehen könntet. Das würdet Ihr umgekehrt nie machen! Aber Ihr könnt es ja vermutlich nicht sehen, wahrscheinlich kennt Ihr Arte gar nicht. Deshalb schreibe ich Euch vorsichtshalber auch noch jeden Tag einen Brief und erzähl Euch, wie das bei uns so rüberkommt, was da bei Euch jetzt gerade passiert. Post aus dem alten Europa! Oh je.


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Yes, you did it!

Straßburg, 5. November 2008
Dear Americans,
yes, you did it! Wie konnte ich daran zweifeln. Wenn sich jemand neu erfinden kann, dann seid Ihr es. Amerika. Wenn jemand den Mut zur Hoffnung hat, dann seid Ihr es. Amerika. Und wenn jemand seine Träume leben kann, dann seid Ihr es. Amerika. Yes, you did it. Ich gratuliere Euch von ganzem Herzen zu Eurer Wahl. Ihr habt Geschichte geschrieben. Ihr habt in einer Nacht die Herzen der Welt zurückerobert. Den Glauben an Eure Kraft. Meine Briefe waren nicht umsonst. Na gut, vielleicht lag es nicht nur an meinen Briefen. Kleiner Scherz, um das Pathos zu brechen. Ich stehe immer noch unter dem Eindruck der Rede, die Barack Obama heute Nacht gehalten hat. Ich hab Sie mir erst heute Morgen angesehen und ich schäme mich nicht, zuzugeben, dass ich eine Gänsehaut hatte und Tränen in den Augen. Und selbst als die Menschen sein „Yes, we can“ wiederholten wie das „Herr, erbame Dich“ in der Kirche, wirkte das mehr ergreifend als befremdend.
Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, die ganze Nacht aufzubleiben und alles live im Fernsehen zu verfolgen. Aber irgendwann bin ich dann doch vor Aufregungserschöpfung eingeschlafen. Vorher hab ich mir die Wahlübertragung mit einer alten Dame zusammen angesehen. Das war eine lustige Konstellation. Ich habe die Nacht in Straßburg verbracht, wo ja Arte seinen Hauptsitz hat, weil wie gestern Abend noch eine Dokumentation zu den beiden Kandidaten gesendet haben, die ich anmoderiert habe. Interessant übrigens, darin den Werdegang Obamas noch einmal zu sehen. Wir sagen ja immer, er sei aus dem Nichts gekommen und es sei absolut überraschend, dass er die Kandidatur überhaupt erringen konnte. Aber das stimmt nicht. Bei seiner scheinbar so zurückhaltenden und so gar nicht aggressiven Art, hat Barack Obama seine Karriere doch mit allem Kalkül und cooler Strategie verfolgt und durchaus auch die Ellbogen eingesetzt. Spätestens als er sich die Kandidatur zum US-Senat gegen eine alt gediente innerparteiliche Konkurrentin sicherte, um nicht zu sagen, er schubste sie bei Seite. Das war erst 2004. Und mit einer unglaublichen Chuzpe warf er dann nur zwei Jahre später seinen Hut in den Ring für die Präsidentschaftskandidatur, mit dem Kalkül eben, dass es keine anderen unverbrauchten Kandidaten gibt. Auch Hillary konnte ja nicht für einen hoffnungsvollen Neuanfang stehen, sondern allenfalls für ein sentimentales Zurück in die Clinton-Jahre.
Anyway, nach der Sendung bin ich in mein kleines Hotel gefahren, in dem ich immer übernachte, wenn ich in Straßburg bin. Es ist wirklich sehr klein, eines dieser alten windschiefen Häuser im Petite France-Viertel, ganz versteckt gelegen. Ich mag das. Die Besitzerin kommt ursprünglich aus dem Iran und die alte Dame war ihre Mutter. Mit ihr saß ich also ganz allein im Salon vor dem einzigen Fernseher und schaute die halbe Nacht CNN. Sie war deshalb so an den Wahlen interessiert, weil sie seit Jahrzehnten in den USA lebt und gerade bei ihrer Tochter zu Besuch war. Sie hatte den Iran vor der Revolution verlassen, zusammen mit ihrem Mann, der im Schah-Regime Oberbefehlshaber der iranischen Streitkräfte war, erzählte sie mir. Sie flohen erst nach Straßburg und dann weiter nach Los Angeles. Ihre Tochter, meine Hotelbesitzerin also, wollte aber lieber in Frankreich bleiben und so kam es also, dass wir gestern Nacht zusammen saßen. Sie hat inzwischen die amerikanische Staatsbürgerschaft und natürlich fragte ich sie, ob sie denn schon gewählt habe. „Obama“, sagte sie sofort, „ich habe Obama gewählt“. McCain sei ein alter Mann, sagte sie und das war etwas amüsant angesichts ihres eigenen Alters. Natürlich habe ich nicht gefragt, wie alt sie ist und ich will es hier auch gar nicht schätzen, sie ist nämlich trotz ihrer Jahre von einer so würdevollen Schönheit, dass sich das verbietet. „Und außerdem muss sich wirklich etwas ändern und für einen wirklichen Wechsel steht glaubwürdig nur Obama“, das fügte sie noch hinzu und dann starrten wir wieder auf den Fernseher und warteten auf die ersten Ergebnisse. Als Pennsylvania dann an Obama ging, waren wir zum ersten Mal etwas beruhigt. Das Ermüdende trotz aller Spannung war ja, dass man dann immer wieder eine Stunde warten musste, bis zeitzonenmäßig die nächsten Wahllokale schlossen. Und, na ja, wir schauten ja in Frankreich und da trinkt man natürlich auch einen guten Wein dazu und das machte dann auch mal müde. Jedenfalls bin ich dann irgendwann nach drei Uhr ins Bett gegangen, während die alte Dame weiter CNN schaute. Und als ich dann heute morgen nach dem Aufwachen natürlich sofort nachschaute, ob Obama denn nun auch wirklich gewonnen hatte und - yes, he did - wäre ich am liebsten sofort ins Zimmer meiner neuen Freundin gestürzt, um sie zu umarmen. Aber das ging natürlich nicht. Dear Americans, wir danken Euch, jetzt beginnt eine neue Zeit.
My very best regards
Thomas

Verfasst von Thomas Kausch | Post aus dem alten Europa | Kommentare (0) | | +

Am 05/11/2008 um 14:19


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